Durch das Wadi el Qelt nach Jericho

Wem im „Heiligen Land“ vor lauter Museen, Kirchen, Synagogen und Moscheen mal der Kopf rauchen sollte, der kann vor den Toren Jerusalems (genau genommen vor Herodestor und Löwentor, also in nordöstlicher Richtung) zur Erholung eine sehr empfehlenswerte Wanderung durch das Wadi el Qelt (1) unternehmen, eine Schlucht in der Judäischen Wüste, die bis nach Jericho führt.

Blick über die Judäische Wüste bei einem der Einstiege zum Wadi el Qelt

In diesem Wadi, das auf palästinensischem Gebiet (Westjordanland/Westbank) liegt, befindet sich  als kulturelle Sehens-würdigkeiten das Sankt-Georg-Kloster und Reste eines römischen Aquädukts aus den Zeiten des Herodes. Die Wanderung führt durch eine großartige Landschaft mit eindrucksvoller Natur.

Nach meinem ersten Besuch des Klosters im Mai 2010 erfuhr ich zum ersten Mal, dass  durch diese Schlucht auch ein Wanderweg führt.

Ein Wanderweg durch die Judäische Wüste nach Jericho.

Allein der Klang der Namen dieser Orte war Grund genug, diesen Weg für meine nächste Tour nach Israel/Palästina einzuplanen.  Ich lasse mich oft vom Klang der Orte zu meinen Touren verleiten und habe es selten bereut. In diesem Fall sah ich natürlich auch viele Geschichten der Bibel vor meinem Auge. Obwohl kein gläubiger Mensch, erinnere ich mich gerne an die eine oder andere Erzählungen oder Person. Und überhaupt Jericho. Für mich weniger als biblische Stadt interessant, sondern vielmehr als einer der ersten Siedlungsorte, die die Menschheit kennt. Tel el Sultan bei Jericho soll einer der gesicherten Orte sein, an dem die neolithische Revolution stattgefunden hat, die Menschen also vom Nomadenleben zur Sesshaftigkeit wechselten (2)(3).

Die Wanderung plante ich für das zeitige Frühjahr ein, wegen der Niederschlags- und damit Blühperiode und auch im Hinblick darauf, dass im Jordangraben dann noch erträgliche Temperaturen herrschen sollten.

Acacia farnesiana Willd. Mimosaceae

Jerusalem-Kapernstrauch, Capparis zohary Inocencio, Rivera et Alcaraz, Capparidaceae (Kapernstrauchgewächse), die Blütenknospen werden in Essig eingelegt und kommen dann als Kapern auf den Tisch. Synonyme: Capparis hierosolymitana Danin, Capparis spinosa var. aegyptia.

Ranunculus asiaticus L. (Persischer bzw. Asiatischer Hahnenfuß), Ranunculaceae (Hahnenfußgewächse)

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Fagonia scabra Forssk., Zygophyllaceae (Jochblattgewächse)

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Anfang März 2011 verwirklichte ich meinen Plan, und wir (insgesamt vier Wanderwillige) starteten die Wanderung an einer der mehreren möglichen Einstiegsstellen, die sich etwa 1 km von der A1 entfernt in der Nähe der (völkerrechtlich eigentlich illegalen) jüdischen Siedlung Mitzpe Yeriho befindet. Wir befinden uns hier – wie bereits erwähnt – im Westjordanland (Westbank), etwa 20 km östlich von Jerusalem. Jerusalem liegt auf dem Grat eines  in etwa küstenparallel verlaufenden Gebirges, das die Wasserscheide zwischen Mittelmeer und Jordangraben bildet. Während es in Jerusalem (800 m über dem Meeresspiegel) an diesem Tag fast schneit, herrschen hier (150 m) bereits angenehme Wandertemperaturen. Im ca. 250 m unterhalb des Meeresspiegels liegenden Jericho wird es bei unserer Ankunft bereits sommerlich warm sein.

Wadi el Qelt. Übersicht des Verlaufs vom Einstieg aus. Im Hintergrund der Jordangraben, Jericho und das Jordanische Gebirge.

An eine Wanderkarte (falls es überhaupt eine gibt) bin ich nicht gekommen. An detailliertere, verlässliche Informationen ebenfalls nicht. Man erhält zwar einige so selbstverständliche wie gut gemeinte Ratschläge (bei Regen ist das Wadi zu verlassen, der Weg kann bei Regen schmierig werden usw.) aber die kommen – wie überall auf der Welt – oft von Leuten, die die Wege selbst nie gegangen sind. Wie sich herausstellen sollte, war auch keine Karte nötig. Die Wege sind problemlos zu finden und einfach zu gehen.

Aizoon hispanicum L. (Spanisches Eiskraut), Aizoaceae (Mittagsblumengewächse)

Die Gegend lebt nun mal davon, dass sie touristisch in allererster Linie „Heiliges Land“ ist, ein Umstand, den ich persönlich äußerst bedauerlich finde. Israel und Palästina haben sehr viel mehr zu bieten als die biblischen Stätten, sowohl was Landschaft und Natur auf der einen Seite und nicht biblische Kulturgeschichte auf der anderen Seite anbelangt. Immerhin gibt es in Israel incl. Palästina (ohne den Sinai) 2.682 Pflanzenarten auf gerade einmal 29.600 km² Fläche (4) was einem Verhältnis von 9,06 Arten je 100 km² entspricht (zum Vergleich: Italien 1,86 / Griechenland 3,17). Der Pflanzenreichtum erklärt sich durch die zahlreichen, oft kleinräumigen, sehr unterschiedlichen Ökosysteme auf relativ geringem Raum (4). Vielleicht erhält man in den Naturparks, die es immerhin auch gibt, gutes Informationsmaterial.

Nubischer Steinbock - Capra nubiana Cuvier, 1825. Die Aufnahme stammt aus dem Wadi Arugot, südlich von En Gedi, das in das Tote Meer mündet.

Aber auch ohne entsprechende Vorbereitung war die Wanderung phantastisch und ich werde sie sicher noch einmal machen, dann besser vorbereitet und mit noch mehr Zeit (und einem Teleobjektiv im Gepäck). Der Weg hat einiges zu bieten. Nicht nur eine immer wieder spektakuläre Landschaft, sondern auch eine beeindruckende Pflanzen- und Tierwelt. Neben Klippschliefern und Gazellen kann man z. B. auch den nicht besonders scheuen Nubischen Steinbock sehen. Außerdem Echsen und Vögel, die ich aber leider – weil die Biester zum

Klippschliefer/Klippdachs - Procavia capensis (s.l.) Pallas, 1766. Die Tierchen gehören zu den Afrotheria, sind also mit Elefanten und Seekühen verwandt. Diese Aufnahme stammt ebenfalls aus dem Wadi Arugot.

einen ziemlich flink sind, zum anderen aber auch mangels Übung – nicht bestimmen konnte. In der Nähe der Oasen kann man auch domestizierten Dromedaren begegnen und immer wieder auch den Ziegen der Beduinen. Bei meinem ersten Besuch des Georgklosters wurde ich von einem quakenden Frosch begrüßt. Ein unerwartetes Erlebnis in einer Wüste.

Der Wanderweg führt von unserer Einstiegsstelle aus hinunter zu einer Oase und den Ruinen eines römischen Aquäduktes. Talaufwärts müssen sich noch ein Wasserfall und eine Bademöglichkeit befinden. Da wir nicht wussten, was für eine Art Wanderweg uns erwartet und daher auch nicht, wie lange wir für die etwa 15-20 km Wegstrecke (es sind wohl eher 15 km) benötigen würden, verzichteten wir auf den Abstecher.

Plicosepalus acaciae (Zucc.) Wiens & Polhill , Loranthaceae, "mistletoe", ein Halbparasit auf Akazienarten (Stamm). Synonym (alt): Loranthus acaciae Zucc.

Das aktuelle Aquädukt

Wegweiser

Der leicht begehbare Wanderweg führt zunächst am neuen Aquädukt entlang und gabelt sich später in zwei Wanderwege auf. Der grüne Weg führt auf der talabwärts linken Seite weiter am neuen Aquädukt entlang bis zum Georgkloster. Dieser Weg verläuft bis Jericho übrigens immer deutlich oberhalb des Flussbettes. Man muss sich auf diesem Weg  keine Sorgen wegen einer möglichen Überflutung des Wadis machen. Außerdem kann man die Schlucht in Notfällen an vielen Stellen verlassen. An der Vegetation lässt sich der Verlauf des neuen Aquädukts immer gut erkennen wie auch die natürlichen Rinnen, auf denen das Regenwasser ins Wadi fließt.

Hier sieht man den Verlauf des neuen Aquädukts und des grün markierten Wanderwegs (unterhalb der Wasserrinne).

Die hier vorkommenden Bankkalke bilden hier und da – teilweise auch überhängende – Terrassen aus und täuschen so gelegentlich Wege vor. Hier weiterzugehen kann sehr gefährlich werden. Auf den Weg sollte also schon geachtet werden. Wenn es gefährlich und schwindelerregend wird und das Ganze in eine haarige Kletterpartie auszuarten droht, ist man jedenfalls falsch gegangen. Soll Botanikern gelegentlich passieren, wenn sie ihr Augenmerk mehr auf ihre Lieblinge statt auf den Weg richten. In diesem Fall unbedingt umkehren bis man wieder auf dem richtigen Weg ist.

Die antike Verbindungsstraße zwischen Jericho und Jerusalem verlief übrigens nicht durch die Schlucht sondern oberhalb und weiter südlich (5), also etwa dort, wo heute eine Art Landstraße bzw. Piste verläuft.

Der rote Weg führt zunächst durch das Wadi und verläuft dann weiter  an der talabwärts rechten Flanke des Tals, ebenfalls wieder deutlich oberhalb des Bachlaufs, steigt stetig an bis man am Ende die Schlucht verlässt und den offiziellen Einstieg zum Georgskloster erreicht. Dort befindet sich ein Parkplatz und meistens fliegende Händler, bei denen man sich mit frisch gepresstem Orangensaft, Palästinensertüchern und Schmuck eindecken kann. Wer möchte, kann sich auch auf dem Rücken eines Esels zum Kloster und zurück tragen lassen.

Antikes römisches Aquädukt. Blick zurück vom Georgskloster.

Ich empfehle den schöneren grünen Weg. Der rote Weg hat allerdings den Vorteil, dass man das Georgskloster von der Höhe aus in voller Pracht sieht. Dieser Anblick ist sehenswert! Wer über den grünen Weg gekommen ist, kann ja die Schlucht hochsteigen (ca. 20 Minuten pro Strecke) oder auf der Rückfahrt den Parkplatz ansteuern. Beim Georgskloster vereinigen sich beide Wege. Ab dort führt nur noch der talabwärts linke Weg weiter

Vielleicht gibt es auch noch einen Weg, der bis zum Georgskloster direkt durch das Wadi führt. Dieser wäre dann nicht ungefährlich und müsste mit einiger Kletterei verbunden sein. In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass sich so ein ausgetrockneter Flusslauf sehr schnell mit Wasser füllen kann. Man sollte sich nicht auf ein allmähliches, langsames Ansteigen eines Rinnsals einstellen sondern besser mit einer Sturzflut wie nach einem Dammbruch rechnen. Das entspricht meistens eher der Realität.

Blick auf das St.-Georgs-Kloster

Das griechisch-orthodoxe Kloster liegt äußerst eindrucksvoll an die Felswand angeschmiegt an der Stelle, an der der Prophet Elias auf seiner Wanderung zum Berg Horeb (Sinai) Rast gemacht haben soll (Könige 1,19). Erbaut wurde das jetzige Kloster zwischen 1871 und 1901. Das erste dort erbaute Kloster stammt aus dem 5 Jahrhundert. Die Mönche wurden 614 von Persern oder Juden (oder beiden, je nach „Quelle“= gängige Reiseführer) ermordet. Der Abt hieß Georg von Koziba (Choizba), von ihm und nicht von Georg dem Drachentöter rührt der Name des Klosters her. Ein Besuch des Klosters lohnt sich und ist möglich, wenn man angemessene Kleidung trägt.

Nicht nur um das Kloster herum, sondern im gesamten Wadi findet man an den Felshängen teilweise zugemauerte Höhlen, nicht selten an schwindelerregenden, schwer zugänglichen Stellen. Ich vermute, dass es sich um Einsiedeleien und Vorratsräume handelt, die zugänglicheren sind vielleicht auch Unterkünfte von Hirten, sicher bin ich mir aber nicht.

Bienenfresser, vermutlich Merops apiaster L., bei Jericho

Der Wanderweg führt nun vom Kloster aus, wie bereits erwähnt,  auf der linken Talseite weiter bis nach Jericho, das Kloster markiert dabei ungefähr die Hälfte der gesamten Wegstrecke.

Jericho, Kloster am Berg der Versuchung

Kloster am Berg der Versuchung, östlich von Jericho. Hier soll Jesus nach seiner Taufe im Jordan gefastet haben und vom Teufel in Versuchung gebracht worden sein. (Mt. 4,1 -11)

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Am Ende des Tals gelangt man über einen Schuttfächer zu einer Straße (rechts halten), die einen ins Zentrum von Jericho führt. Der Jordangraben kann der reinste Backofen sein. Wer zu einer späteren Jahreszeit wandert, sollte unbedingt darauf achten, dass er ausreichend Wasser und eine Kopfbedeckung für die Tour mitnimmt. Insgesamt handelt es sich bei geeigneter Witterung und geeignetem Schuhwerk um eine eher leichte Bergwanderung. Bei einsetzendem Regen oder bei großer Hitze sieht das aber ganz anders aus. Für die gesamte Tour vom Einstieg bis zum Marktplatz von Jericho haben wir bei gemächlichem Tempo einschließlich (Foto-)Pausen, kleineren Abstechern und Klosterbesichtigung etwa 5 ½ Stunden benötigt. Ohne Pausen rechne ich mit etwa 3 Stunden.  Das heutige Jericho liegt übrigens näher am Jordan als das frühgeschichtliche und alttestamentliche, das direkt an der Quelle Ain es Sultan (Elisaquelle, Könige 2, 21-22) lag und auch näher als das neutestamentliche Jericho zu Herodes‘ Zeiten.

Teeverkäufer im Zentrum von Jericho. Für einen leidenschaftlichen Teetrinker wie mich eine sehr erfreuliche Institution arabischer Städte.

Eine kleine Anekdote am Rande: unser Taxifahrer, ein christlicher Palästinenser, der uns wieder zurück nach Bethlehem brachte, hat es sich nicht nehmen lassen, mit uns auf dem Markt einzukaufen, da wir sonst  – nach seiner Einschätzung – viel zu viel bezahlen müssten. Tatsächlich hat er immense Mengen (köstliches) Obst und Gemüse für erstaunlich wenig Geld erhalten. Zurück im Taxi hat er zu unserer Überraschung jedem von uns Salatblätter entgegengestreckt. Salat müsse man frisch essen, das sei gesund, meinte er. Und so haben wir – mehr aus Höflichkeit als aus Verlangen – die Rohkost verzehrt. Hat wirklich gut geschmeckt, obwohl sicher jedem von uns die Geschichte mit “cook it, peel it or leave it” im Kopf herumgeisterte… es ging aber gut aus.

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Kommentare, die sich in polemischer Weise gegen Juden oder Palästinenser richten, werden nicht veröffentlicht. Ich schätze beide Länder und deren unterschiedliche Bevölkerung sehr. Es gibt, wie überall auf der Welt, auf beiden Seiten sowohl Betonköpfe als auch vernünftige Menschen.

Alle Fotos stammen vom Autor dieses Blogs. Ich bitte, das Copyright zu beachten.

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(1) es gibt mehrere Schreibweisen, z. B. auch Wadi Kelt, Wadi al-Qilt oder Wadi Qilt.

(2) Jonathan N. Tubb „Völker im Lande Kanaan“, Konrad Theiss Verlag 2005.

Es gibt Hinweise, dass Jäger und Sammler sich bereits 10.000 Jahre v. Chr. wenigstens zeitweise in der Nähe der Quelle Ain es-Sultan aufgehalten haben und dort Behausungen und ein Heiligtum errichtet haben. Bereits 7000 v, Chr. (laut Tubb präkeramisches Neolithikum A) war Jericho eine außergewöhnlich große Siedlung mit massiver Mauer und einem großen, etwa 8 m hohen Turm. Warum gerade hier? Dazu muss man berücksichtigen, dass es – innerhalb des Jordangrabens – westlich des Jordans wenige Quellen gibt und gab, die nicht zeitweise versiegten. Die nächste nördlich gelegene liegt bei Beth Scham (etwa auf der Höhe von Caesarea) die nächste südlich gelegene liegt meines Wissens bei En Gedi (etwa Höhe Gaza Stadt). Die Böden direkt am Jordan sind stark salzhaltig.

Wer sich über die Frühgeschichte Israel und Palästinas ein Bild machen möchte, dem lege ich übrigens einen Besuch der eindrucksvollen Archäologischen Abteilung mit wunderschönen Artefakten des Israel Museums in Jerusalem ans Herz.

(3) Der Essay „Die Ausgrabungen von Tell Es-Sultan, Jericho (AT) – Eine forschungsgeschichtliche Studie zur Palästina-Archäologie“, der in Gotthard G. G. Reinhold: „Bei Sonnenaufgang auf dem Tell“, Verlag Bernhard Albert Greiner 2003 veröffentlich wurde, gibt eine informative und spannende Übersicht über die Ausgrabungen des alttestamentlichen Jericho zwischen 1886 (Charles Warren) und 1958 (Kathleen M. Kenyon). Interessant finde ich auch, wie die Funde abwechselnd in Einklang mit Josuas Landnahme (Jos. 6) – und anderen Stellen des Alten Testaments – bzw. im Widerspruch dazu  interpretiert wurden. Unter Tell (israelisch Tel, wie z. B. Tel Aviv) versteht man übrigens einen Siedlungshügel, einen Hügel also, der dadurch entstanden ist, dass immer wieder neue Siedlungen auf den Resten vorheriger gebaut wurden.

Ich bin mir bei der Lektüre (zumindest eher populärwissenschaftlicher) archäologischer Literatur nie so ganz sicher, wie neutral die Autoren die Berichte der Bibel in ihre Arbeit einbauen. Manchmal habe ich den Eindruck, dass meist entweder pro oder contra Bibel (5) argumentiert wird. Eher selten scheint mir, dass die Biblischen Berichte unvoreingenommen als eine Quelle unter vielen bewertet werden. Aber ich kann mich da auch täuschen. Persönlich zähle ich mich zu der Fraktion, die in der Bibel in erster Linie ein identitätsstiftendes Werk sieht (wie z. B. auch Jonathan N. Tubb, s. o. (2)), deren Schriften oft redaktionell überarbeitet und fortgeschrieben (7) wurden und weniger ein historisches.  Ein Werk, das zusammengestellt wurde, um einem Volk eine Geschichte und damit eine Identität zu geben, hin und wieder auch unabhängig vom Wahrheitsgehalt der Geschichte. Vielleicht ähnlich, wie wir unsere eigene Autobiographie in Teilen immer wieder aufs Neue schreiben, Erlebnisse von wichtig auf unwichtig oder umgekehrt umsortieren, manches verdrängen, anderes dazu dichten oder zu frisieren um am Ende eine gute Geschichte erzählen zu können oder – wenn schon keine gute –  zumindest eine Geschichte mit einem roten Faden.

(4) Danin, A., “Near East ecosystems, plant diversity” in “Encyclopedia of Biodiversity”, Academic Press, S. Levin. 2001. 4:pp. 353-364. Diese Vergleiche sind immer mit etwas Vorsicht zu genießen, da ihr Aussagewert u. a. davon abhängt, ab wann Neophyten, also eingeschleppte Pflanzen, zur heimischen Flora gezählt werden und vom Artkonzept des Autors.

(5) Auf der folgenden Karte ist die Schlucht („Ain al-Qilt“), der Verlauf des Aquädukts und die alte Verbindungsstraße zu sehen: Tübinger Bibelatlas 2001, Karte B V 18, „Palästina in griechisch-römischer Zeit (ca. 300 v. Chr. – 300 n. Chr.) (Südteil) 1855.1381

(6) Israel Finkelstein, Neil A. Silberman: “Keine Posaunen vor Jericho: Die archäologische Wahrheit über die Bibel“, Beck Verlag 2006.

(7) zu den Redaktionen und Fortschreibungen siehe z. B. Christoph Levin, (8) und (9)

(8) Christoph Levin: „Das Alte Testament“, C. H. Beck, 4. Auflage 2010

(9) Christoph Levin: „Fortschreibungen. Gesammelte Studien zum Alten Testament“, Verlag Walter de Gruyter, 2003

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Verlassene Lichtung

Blick ins Vistastal, Schwedisch-Lappland, von der Hütte aus gesehen.

In den 90ern war ich zusammen mit anderen Biologiestudenten Mitte/Ende August öfter einmal für etwa 14 Tage in Schwedisch-Lappland unterwegs. In unseren Rucksäcken hatten wir alles dabei, was wir benötigten; auch sämtliche Nahrungsmittel, da die Hütten dort nicht bewirtschaftet sind. Das war immer eine sehr schöne Zeit, über die es sehr viel zu erzählen gäbe.

Ich möchte mich heute nur an ein Erlebnis erinnern, dass ich mir jedes Mal im Vistastal (etwa zur Mitte der gesamten Tour) gegönnt habe. Nachts unternahm ich dort immer einen einsamen Spaziergang durch eine Moorlandschaft, eine Lichtung im Birkenwald. Das Besondere war, dass es in dieser Gegend weder Licht- noch Lärm-Smog gab. Keinerlei Zivilisationsgeräusche, nur das Rascheln von Blättern oder Tieren der Nacht, das Rauschen des Flusses … in manchen Jahren Sternenhimmel, gelegentlich zog ein grüner Streifen des Polarlichts über den Himmel, in anderen Jahren bewölkt … jedoch kein Kunstlicht weit und breit … bis auf den gelben Schein der Gaslampe, der durch das Hüttenfenster hinter mir schien.

Es war ein seltsames Gefühl: erst wenn ich dieses kleine Licht, dieses Versprechen der Geborgenheit, aus den Augen verlor, war ich wirklich allein. Ich spürte, wie meine Sinne wachsamer wurden, eine leichte Anspannung, wie ich meine Schritte leiser und vorsichtiger setzte. Gelegentlich blieb ich stehen und lies diese paradoxe Stimmung, eine Mischung aus Verlorenheit und doch auch Geborgenheit (ich liebe diese Landschaft) auf mich wirken.

Wenn dann auf dem Weg zurück das Licht in der Ferne wieder auftauchte, war ich eigentlich schon zurück, obwohl ich noch gut eine halbe Stunde zu gehen hatte. Die Erregtheit fiel urplötzlich ab, ich war wieder “unter Menschen”.

Ich muss, wenn ich dieses Erlebnis schildere, an meine beiden Jungs denken. Einmal in ihrer Schulzeit unternahmen sie eine Nachtwanderung, zusammen mit ihren Schulkameraden. An einer bestimmten Stelle trennten sich alle voneinander und mussten ein Stück weit des Wegs alleine gehen. Sie bekamen aber eine Kerze in die Hand, so waren sie vom Licht geborgen.

(für Harvey)

Blick über die Sumpf- und Moorlandschaft des Vistastals. Übergang Birkenwaldzone/Strauch und Tundrenzone

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Wenn Bienen fremdgehen

Orchideen bilden eine sehr große Familie innerhalb der Einkeimblättrigen Pflanzen mit weltweit ca. 19.500 Arten, verteilt auf 788 Gattungen (1). Die typische Orchideenblüte  besteht aus zwei dreizähligen Blütenkreisen, wobei das mittlere – zunächst obere – Blütenblatt sich in Form und Farbe von den übrigen Blütenblättern unterscheidet und meistens durch Drehung des Blütenstiels, des Fruchtknotens oder durch Überkippen der Blüte zur Blütezeit nach unten weist. Dieses Blütenblatt, das als Lippe (Labellum) bezeichnet wird, dient zur Anlockung und als Landeplatz für die Bestäuber.

Die (meist 1, bis zu 3) Staubblätter sind mit dem Griffel zu einer Säule verbunden (Gymnostemium), eine der drei Narben ist steril und trennt die Staubbeutel von den zwei anderen, fruchtbaren (fertilen) Narben um Selbstbestäubung zu verhindern. Der Pollen wird meist nicht als Blütenstaub freigesetzt, sondern als Paket (Pollinium) bzw. Paketbündel an die Insekten angeklebt. Die Pollenpakete können aber in einzelnen Teilen wieder abgegeben werden, so dass mehrere Orchideen mit einem Paket bestäubt werden können.

Gelbe Ragwurz (Ophrys lutea), Sardinien, Supramonte, 2008. Auf der Lippe rechts liegt ein abgetrenntes Pollinium (Blütenstaubpaket).

Die sehr zahlreichen, leichten Samen werden durch Wind verbreitet und sind, da sie kein Nährgewebe für den Embryo enthalten, bei der Keimung auf Pilzsymbionten obligatorisch angewiesen. Sobald die Pflanze ausreichend Chlorophyll gebildet hat, kann sie auf diese Symbiose verzichten, was jedoch nicht immer geschieht.

Orchideen sind oft Täuschblumen. Der Bestäuber wird häufig gefoppt und erhält keine Belohnung für seine Bestäuberdienste.

Einer besonders perfiden Art der Täuschung bedienen sich die Ragwurzarten (Ophrys ssp.), die die Weibchen der Hautflügler (hier: Bienen und Wespen) in Form und Farbe imitieren und die Männchen zusätzlich durch Sexuallockstoffe anlocken. Durch die Kopulationsbewegung wird das Pollenpaket angeheftet und weitergeben.

Wespen-Ragwurz (Ophrys tenthredinifera), Sardinien, bei Orosei, 2006. Hier kann man gut die insektenähnlich haarige Oberfläche der Lippe erkennen.

Fliegen-Ragwurz (Ophrys insectifera), Baden-Württemberg, Heiligenkopf 2009

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Ganz so doof, wie wohl landläufig angenommen wird, scheinen die Hautflügler übrigens nicht zu sein. Der Fruchtansatz der Ragwurzarten ist jedenfalls minimal, die Bestäubungsart also wenig erfolgreich. Bei der Fliegen-Ragwurz (Ophrys insectifera. (a)) liegt der Fruchtansatz in Baden-Württemberg zwischen 0,7 und 3,7 % (2), d. h. dass nur 1 bis 4 Kapseln je 100 Blüten reife Samen entwickeln.

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(a)Der deutsche Name täuscht:  Bestäuber sind nicht Fliegen, sondern Grabwespen.

(1) Judd, Campbell et al.: „Plant Systematics“, 3rd ed., 2008

(2) Sebald, Seybold et al.: “Die Farn-und Blütenpflanzen Baden-Württembergs”, Ulmer Verlag, Band 8, 1998

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Mein Problem mit dem Kreationismus

Nein, dies wird kein Pamphlet gegen den Glauben oder die Kirche; auch keine Verteidigungsrede für Darwin und ich werde mich auch nicht über die biblische Schöpfungsgeschichte lustig machen.

Mir geht es auch nicht um die Wahrheit. Wahrheit als Singular ist mir ein zu großes Wort. Dieser Begriff müsste etwas Verbindendes aller wahren Aussagen, aller Wahrheiten ausdrücken und so etwas sehe ich nicht, kenne ich nicht.

Nein, mir geht es hier lediglich um eine sicher unbestrittene Voraussetzung für Wahrheiten (im Plural) gleich welcher Art, nämlich um Ehrlichkeit oder, etwas altmodischer formuliert, um Wahrhaftigkeit.

Vorausschickend möchte ich mich als Agnostiker bezeichnen, mit folgenden Einschränkungen: gegenüber, für meinen Geschmack, allzu eifrigen Religionsvertreter schmücke ich mich auch gerne mal und ohne allzu große Gewissensbisse mit dem Titel Atheist. Besonders, wenn es sich bei diesen um die breite Schar der Scheinheiligen handelt.

Gegenüber streng religiösen Atheisten, die auch mir zu langweilig sind,

“weil sie ständig nur über Gott reden” (5),

verteidige ich dann auch gerne mal den einen oder anderen Religionsstifter und das Fußvolk der Kirchenleute.

Wenn ich in der Kirche der Nationen (Garten Gethsemane, Jerusalem) stehe und die passenden Ausschnitte aus den Evangelien lese, wenn ich eine Synagoge betrete, eine Moschee besuche oder wenn ich in einem Münster Bach oder Mozart höre, kann ich gelegentlich – denke ich – nachvollziehen, was eigentlich mit Religion gemeint ist und fühle so etwas wie Erhabenheit. Solange niemand predigt.

Gegenüber gläubigen Menschen vertrete ich gerne den pragmatischen Standpunkt, dass es weniger darauf ankommt, ob der Glaube recht hat, sondern darum, dass die damit verbundenen religiösen Gefühle echt sind. Und diese Gefühle nehme ich ernst.

Es ist mir eigentlich ziemlich egal, ob jemand die Naturwissenschaften als Erfahrungsquelle ablehnt und unbedingt an diversen  Schöpfungsgeschichten festhalten möchte. Solange er es aus Überzeugung tut. Ich bin glücklicherweise mit zu wenig missionarischem Eifer ausgestattet, um hier – ohnehin zu keinem Ergebnis führende – Diskussionsarbeit zu leisten.  Die Kinder dieser Gläubigen tun mir zwar gelegentlich leid, aber ich vertraue da immer auf die heilende, antithetische Wirkung ideologisch einseitig ausgerichteter Erziehung.

Es gibt ja auch mehr oder weniger gute philosophische Gründe, die entweder – wie der Neukantianismus – naturwissenschaftliche Erkenntnisse als Methodenprodukt betrachten – oder – wie der philosophische Rationalismus oder Idealismus in Teilen – die Möglichkeit naturwissenschaftlicher Erkenntnisse von vornherein ausschließen. Das sind ehrlich gemeinte und sicher gut begründete Ansichten. Gut begründet zumindest, wenn man die Welt vom Lehnstuhl aus denkt und sich nicht allzu viele Gedanken dabei macht, was man alles projiziert, wenn man einen Lichtschalter betätigt oder konstruiert, wenn man sich mit anderen Gleichgesinnten über den Inhalt eines Buches austauscht.

Wie gesagt, das alles stört mich nicht und es schadet auch kaum, sich mit solchen philosophischen Gedankengängen einmal auseinanderzusetzen. Mich interessieren diese sogar. Und ich komme gut damit klar, wenn andere so denken. Solange diese Meinungen ehrlich begründet oder wahrhaftig gemeint sind und niemandem schaden. Getreu dem Motto: leben und leben lassen.

Aber genau dies vermisse ich beim Kreationismus, um den es mir hier eigentlich geht, nämlich: Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit. Hier wird gelogen, indem behauptet wird, Kreationisten würden mit naturwissenschaftlichen Methoden arbeiten – und betrogen, indem man faselt, es würde sich bei naturwissenschaftlichen Erklärungen „ja nur um Theorien“ handeln. Das Ganze wird dann noch mit einer Reihe von Verschwörungs-theorien gewürzt, auf die ich hier aber gar nicht eingehen möchte, weil sie mir schlichtweg zu dämlich sind.

Was versteht man denn eigentlich unter einer naturwissenschaftlichen Methode?

Es genügt jedenfalls nicht, dass man Laborgeräte benutzt, Chemikalien miteinander mischen kann und weiß, wo bei einem Mikroskop oben und unten ist. Nein, es ist vielmehr der gedankliche Ansatz, der diese Methode ausmacht und so erfolgreich werden ließ.

Zu diesem Thema gibt es eine Fülle an Literatur und ich gebe gerne unter (3) und (4) Lektüretipps. Ich empfehle auch jedem Naturwissenschaftler, sich einmal gründlich mit Wissenschaftstheorie auseinanderzusetzen. Man muss ihr ja nicht unbedingt in allen Teilen folgen.

Aber es geht auch einfacher.

Karl Popper hat sich in seinem philosophischen Leben ausführlich mit dieser Thematik auseinandergesetzt und formuliert das „Kriterium der Falsifizierbarkeit“ als Abgrenzungskriterium zwischen Naturwissenschaft auf der einen und Metaphysik auf der anderen (1).

Das bedeutet lediglich, dass sich naturwissenschaftliche Aussagen, Hypothesen und letztlich Theorien durch die prinzipielle Widerlegbarkeit (Falsifizierbarkeit) von nicht wissenschaftlichen unterscheiden. Eine gute, harte Hypothese zeichnet sich demnach dadurch aus, dass sich eine Beobachtung oder ein Experiment formulieren lässt, mit der sie eindeutig widerlegt werden kann.

Nichts weiter.

Auch ein widerspenstiger Kopf wie Richard Feynman, der sich stets die Einmischung von Philosophen in die Naturwissenschaft verbeten hat (2), akzeptierte dieses Kriterium.

Die Aussage „der Bach fließt lieblich durch das Tal“ ist z. B. keine wissenschaftliche Aussage, da sie eine Meinung wiedergibt, die nicht beweisbar oder widerlegbar ist. Die Aussage „alle Schwäne sind weiß“ ist dagegen eine wissenschaftliche Aussage, da sie durch den Nachweis auch nur eines einzigen schwarzen Schwanes eindeutig widerlegbar ist. Aus widerlegbaren Hypothesen lässt sich so nach und nach ein naturwissenschaftlich begründetes Gebäude errichten.

Thesen, die mit Wundern, Zauberei oder unsichtbaren Agenten operieren, sind nicht widerlegbar. Alles Mögliche kann behauptet und durch Variablentausch “erklärt” werden. Diesen Thesen sind definitiv keine naturwissenschaftlichen Aussagen.

Eine „Forschung“, deren Ergebnis wie im Falle des Kreationismus im Voraus feststeht, ist keine Wissenschaft und, mit Verlaub, bedarf auch keiner. Es kann daher nur einen Grund für die Behauptung geben, Kreationismus arbeite mit wissenschaftlichen Methoden und das ist der, leichtgläubige oder uninformierte Menschen hinters Licht zu führen. Aus Machtgründen. Um Schäfchen einzufangen, die es gerne wissenschaftlich haben.

Hierher passt auch die ständig wiederholte Aussage, bei der Evolutionstheorie handele es sich ja “bloß um eine Theorie”. Es wird suggeriert, eine wissenschaftliche Theorie würde sich von dem, was man umgangssprachlich als Theorie bezeichnet, nicht unterscheiden. Die Leute, die das behaupten, wissen dabei sehr gut, dass eine Theorie in der Umgangssprache oft nicht einmal den Gewissheitsgrad einer wissenschaftlichen Arbeitshypothese besitzt.

Und das ist es, was mich am Kreationismus wirklich stört: die Verlogenheit und der Betrug mit gleichzeitiger Berufung auf einen Religionsstifter, der sich einst vor Allem der Wahrhaftigkeit und den Menschen verpflichtet fühlte.

Ach ja, übrigens: wer im Zusammenhang mit Evolution von „Intelligent Design“ redet, der möge sich doch  einmal mit sekundären Geschlechtsmerkmalen in der (männlichen) Tierwelt beschäftigen und ich versichere, er wird bald feststellen, dass er mit der Verwendung dieses Begriffs eigentlich Gotteslästerung begeht.

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(1)    Popper, Karl „Die beiden Grundprobleme der Erkenntnistheorie“, Mohr Siebeck, 3. Auflage 2010

(2)    Feynman, Richard P., amerikanischer Physiker (1918 bis 1988) und Nobelpreisträger. Seine Meinungen zur Philosophie sind versprengt in seinen „Lectures“ und Briefen zu finden.

(3)    Seiffert, Helmut „Einführung in die Wissenschaftstheorie“ Band 1 bis 4, Verlag C. H. Beck, 12. Aufl. 1996 (immer noch empfehlenswert)

(4)    Kamlah, W. und Lorenzen, Paul „Logische Propädeutik“, Verlag J. B. Metzler, 3. Aufl. 1996

(5)    Böll, Heinrich „Ansichten eines Clowns“

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Darwins Gänsedistel?

Als ich im Winter 2009/2010 nach Teneriffa flog und damit zum ersten Mal die  Kanarischen Inseln besuchte, war ich zwar auf eine abwechslungsreiche und ganz eigene  Flora gefasst.  Obwohl ich mich gut auf den zweiwöchigen Ausflug vorbereitet hatte, wurde ich von dem Artenreichtum der Pflanzenwelt und noch mehr von der Vielzahl der Pflanzengesellschaften auf engstem Raum dennoch überwältigt.

Kanarische Glockenblume

Foto 1: Die meterlang kletternde Kanaren-Glockenblume ist ein Kanarenendemit und wächst in schattigen Wäldern (Lorbeerwald). Die 3-6 cm große Blüte wird wohl von Vögeln (Zilpzalp) bestäubt (3).

Dass ich außerhalb der Hauptblühperiode unterwegs war, tat meiner Begeisterung kaum einen Abbruch und hatte den einen Vorteil, dass ich mir einen ersten Überblick über die Insel verschaffen konnte, ohne mich im Detail zu verlieren.

Zugegeben, es war ein Wermutstropfen, dass die nicht nur wegen ihrer Größe imposanten Natternkopfarten wie z. B. Wildprets Natternkopf (Echium wildpretii, mit 1,5 – 3 m Höhe) nicht blühten. Als Entschädigung zeigte sich dafür ein weiteres,  schönes Wahrzeichen der Inseln, die Kanaren-Glockenblume (Canarina canariensis), in voller Blüte (Foto 1).

Warum die kanarischen Inseln ein so erstklassiges Freilandlabor für Ökologen und Evolutionsbiologen sind, möchte ich in diesem Blogeintrag am Beispiel von Teneriffa skizzieren.

Die westlich vor Nordafrika gelagerten Kanaren sind vulkanischen Ursprungs und es gab seit seiner Entstehung  vor 23,5 Mio. (Fuerteventura) bis 1,2 Mio. Jahren (El Hierro) nie eine Landbrücke zum afrikanischen Festland (1). Teneriffa hat eine Fläche von ca. 2.000 km², die höchste Erhebung mit 3.718 m ist der Teide, gleichzeitig „Spaniens“ höchster Berg. Teneriffa ist im Umriss dreieckig, die Spitzen bilden das Tenogebirge im Nordwesten, das langgezogene, halbinselartige Anagagebirge im Osten  und das Roque del Conte im Südwesten. Diese drei älteren, randständigen Gebirge wurden durch den jüngsten, zentral gelegenen Vulkan, den Teide, miteinander zu einer Insel verschmolzen.

Loorberwald

Foto 2: Nebelwald im Anagagebirge. Diese Lorbeerwälder der Kanaren sind verarmte Reliktwälder, die wohl denjenigen Wäldern Nordafrikas und Europas ähneln, die rund um die Tethys im ausgehenden Tertiär vorherrschten.

Klimatisch werden die Inseln durch den kühlen Kanarenstrom und den Nordostpassat beeinflusst. Durch den Kanarenstrom herrscht auf den Inseln ein milderes Klima als auf dem afrikanischen Festland gleicher geographischer Breite.

Durch den Nordostpassat werden die höheren Gebirgslagen ab ca. 500 m regelmäßig von Wolken eingehüllt. Auf der windzugewandten Seite von Teneriffa finden wir daher häufig Nebelwälder (Anagagebirge im Nordosten, Foto 2), im Windschatten oder in tieferen Lagen gibt es dagegen trockenere Gebiete mit zum Teil halbwüstenähnlichen Vegetationen wie dem Cardonal (siehe Foto 3).

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Foto 3: Sukkulentenbusch (Cardonal) bei Güimar mit zwei charakteristischen, stammsukkulenten Arten. Die gräulich weiße, zylindrische Pflanze links im Vordergrund ist die Rotbraune Leuchterblume (Ceropegia fusca, spanisch: Cardoncillo), hier ohne die namensgebende rotbrauen Blüten. Rechts dahinter die Kanarische Wolfsmilch (Euphorbia canariensis, spanisch: Cardón). Diese Wolfsmilchart erinnert zwar an einen Kaktus, ist mit diesem aber nicht verwandt (ein beliebtes Lehrbuchbeispiel für Konvergenz). Beide Arten sind Kanarenendemiten, kommen also natürlicherweise nur dort vor (2).

Foto 4: Teideginstergebüsch der Canadas (eine der weltweit größten Calderen) mit Teide im Hintergrund.

Die vertikale Zonierung der Vegetation Teneriffas von der Küste bis in den hochalpinen Bereich hat bereits Alexander von Humboldt 1799, bei seinem einwöchigen Besuch zu Beginn seiner Südamerikareise, beeindruckt und seine Vegetationskunde maßgeblich beeinflusst.

Die geringen Entfernungen zwischen den zahlreichen und extrem unterschiedlichen  Ökosystemen begeisterten mich jeden Tag aufs Neue. Faszinierend ist aber auch die Beschäftigung mit den Pflanzenarten in anderer Hinsicht. Wie auf anderen Archipelen vulkanischen Ursprungs (z. B. Galapagos, Hawaii), so lässt sich auch auf den Kanaren das Ergebnis eines Artenaufspaltungsprozesses nachvollziehen, der in der Evolutionsbiologie als adaptive Radiation bezeichnet wird. Was versteht man unter diesem Begriff?

Die Vulkaninseln waren zunächst noch unbesiedeltes Neuland. Pflanzen, deren Samen z. B. durch Vögel oder Wind vom Festland auf die Inseln verfrachtet wurden, konnten sich daher frei ausbreiten und bei ausreichender Variationsbreite ihres Genoms auch nach und nach ökologische Nischen besetzen, die nicht mehr dem ursprünglichen Standort entsprachen. Durch verschiedene Isolationsmechanismen (z. B. Entstehung räumlicher Barrieren wie Lavaströmen, zeitlicher Barrieren wie Änderungen der Blütezeit oder durch genetische Barrieren wie der Änderung der Chromosomenzahl – Polyploidisierung –) spaltete sich die Ursprungsart in neue Arten mit unterschiedlichen ökologischen Ansprüchen auf.

Gänsedistelart

Foto 5: Eine der ca. 25 verholzten und oft sehr imposanten Gänsedistelarten, die fast alle Kanarenendemiten sind (2). Die abgebildete Art ist ca. 2 m hoch. Leider habe ich die gepressten Blätter verloren und konnte die Art nicht nachbestimmen.

Dieser Vorgang wiederholte sich natürlich auch auf den Nachbarinseln und immer auf unterschiedliche Weise. Auf diese Weise sind z. B. aus einer Aeonium-Art (gehört zu den Dickblattgewächsen), die vor 2-3 Mio. Jahren die Inseln besiedelt hat, mittlerweile 34 Arten entstanden (1). Ähnliches gilt auch für die „Bäumchenmargeriten“ (Agyranthemum ssp.), die Gänsedistelarten (Sonchus ssp.) und viele andere.

Zu Beginn seiner legendären Fahrt mit der Beagle (1831 bis 1836) wollte Charles Darwin eigentlich auch die Kanarischen Inseln besuchen, nicht zuletzt wegen der enthusiastischen Beschreibungen des Alexander von Humboldt. Da es zu der Zeit in England eine Cholera-Epidemie gab, durfte er jedoch nicht an Land gehen. Wer weiß, vielleicht ist es diesem Umstand geschuldet, dass wir heute über die „Darwinfinken“ der Galapagosinseln reden, wenn wir an die Meilensteine der Evolution denken,  und nicht von „Darwins Gänsedisteln“.

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  • (1)    Pott. R, Hüppe. J, Wildpret de la Torre. W.: „Die Kanarischen Inseln, Natur und Kulturlandschaften“, Ulmer Verlag , 2003. Ein sehr empfehlenswertes Buch für alle, die sich eingehender mit den Kanaren beschäftigen möchte. Dieser Blogeintrag greift in weiten Teilen auf dieses Buch zurück.
  • (1)    Hohenester, A. und  Welß, A. : „Exkursionsflora für die Kanarischen Inseln“. Ulmer Verlag, 1993. Wer die Pflanzenarten der Kanaren zuverlässig bestimmen möchte, dem sei dieses Bestimmungsbuch empfohlen. Für Einsteiger genügt das folgende Buch:
  • (2)    Schönfelder, P. und I.: „Die Kosmos Kanarenflora“, Kosmos Verlag, 2. Aufl. 2005. Sehr gut geeignete Bestimmungsliteratur mit vielen Farbfotos.

Alle Fotos von Klaus Lorch.


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Willkommen bei meinem Blog!

Ich werde hier über vorwiegend biologische, aber auch philosophische/ideengeschichtliche Themen bloggen. Gelegentlich schreibe ich sicher auch etwas zu Klassischer Musik und zu gesellschaftlichen Themen.  Mein besonderes biologisches Interesse liegt in den Bereichen Ökologie (Ökosysteme, Blütenökologie), Evolution und Molekularbiologie. Hoffentlich gelingt es mir, meine Begeisterung für diese Themen auf die LeserInnen zu übertragen.

Mein Kobold @Reticulum treibt übrigens in Twitter sein Unwesen. Ihm ist nicht unbedingt mit tierischem Ernst zu begegnen (Satire darf schon immer etwas weiter gehen).

Da ich nicht unter einem Pseudonym schreibe, bin ich auch auf Facebook leicht zu finden. Über Freundschaftsanfragen von Gleichgesinnten freue ich mich immer.

Beispiele für Ökosysteme:

Dünenlandschaft auf Sardinien Mangrove bei Ebbe 

(Nordostaustralien)

Sukkulentenbusch (Cardonal) 

(Guimar im Süden von Teneriffa)

Tropischer Regenwald 

(Nordostaustralien)

Birkenwaldzone und Tundra (Schwedisch-Lappland)

Als begeisterter Taucher werde ich auch immer mal wieder über meeresbiologische Themen schreiben. Bislang habe ich mich aber noch nicht auf die UW-Fotografie eingelassen; diese Berichte werden daher zwangsläufig textlastig ausfallen. Über Kommentare freue ich mich immer.

Mein erster Blog, der demnächst hier erscheinen wird, trägt den Titel „Darwin-Gänsedistel?“ und beschäftigt sich mit Teneriffas Pflanzenwelt.

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