Grönland 2016: ein Plan und die inneren Feinde

Heute wäre ich von meiner Grönlandtour zurückgekommen, wäre alles planmäßig abgelaufen. Vierzehn Tage wandern auf der Insel Qeqertarusaq (Disko Insel), als Alleinversorger mit Zelt und Proviant, dazu ein paar Tage Ilulissat auf dem Festland, so war der Plan für dieses Jahr. Seit ich letztes Jahr alleine auf dem Arctic Circle Trail von Kangerlussuaq nach Sisimiut unterwegs war (1), bin ich mit dem Grönlandvirus infiziert.

Leider lief es nicht planmäßig. Alles war gebucht, Flüge, Unterkunft, Fähre, der Proviant eingekauft, die Ausrüstung lag bereit, da holte mich die enorme Überbelastung der letzten drei Jahre ein, das war so um Himmelfahrt herum. Ich bin beinahe zusammengebrochen und meine Ärztin riet mir deswegen dringend zu einem Gesundheitscheck und einem mehrwöchigen Kuraufenthalt. Ich hörte auf den Rat und hoffte zu Beginn, das war Anfang Juli, dass ich die Reise vielleicht doch noch antreten könnte. Das erwies sich allerdings als illusorisch, ich war mental einfach zu erschöpft und bin immer noch nicht ganz erholt. Glücklicherweise bin ich aber körperlich völlig gesund, die Notbremse habe ich noch rechtzeitig gezogen.

Grönland 2015, ACT, beim Abluss des Sees Amitsorsuaq

Grönland 2015, ACT, beim Abfluss des Sees Amitsorsuaq

Jetzt gilt es noch mental aufzuräumen. Ich entlasse zurzeit meine inneren Feinde und Kritiker, die es nicht gut mit mir meinten, beende ihr Regime, was ohnehin schon längst überfällig war, trainiere einige, eigentlich elementare, soziale Skills und übe mich in gewaltfreier, gestaltender Kommunikation und Auseinandersetzung. Das ist alles nötig, war es schon lange, denn eins ist klar: noch einmal möchte ich nicht mehr an diesen Punkt kommen und das werde ich auch nicht. Dafür ist mir das Leben und sind mir die lieben Menschen um mich herum einfach zu wichtig. Es warten noch viele schöne Ziele und Erlebnisse auf mich, wie z. B. Qeqertarusaq, jetzt eben nächstes Jahr.

Grönland 2015, ACT, Blick auf den See Kangerluatsiarsuaq

Grönland 2015, ACT, Blick auf den See Kangerluatsiarsuaq

 

 

 

 

 

 

 

(1) https://klauslorch.wordpress.com/2015/12/22/groenland-2015-i-die-tour/

 

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Mein Klavier und (k)ein Bedauern.

Nachdem ich mein Abitur in der Tasche hatte, holte ich die Aufnahme- und Einschreibungsunterlagen bei meiner Musikhochschule ab. Ich hatte schon seit früher Jugend den festen Wunsch, Klavier zu studieren, Alternativen kamen in meiner Vorstellungswelt kaum vor, sieht man von einem kurzen Flirt mit der Astronomie einmal ab. Auf der Rückfahrt von der Hochschule, es war in einem längeren Waldstück, entschloss ich jedoch spontan, doch nicht Musik zu studieren. Ich war mir plötzlich ganz sicher. Das schnelle Ende eines lange gehegten Traums.

Der wichtigste Grund für diese Entscheidung? Meine technischen und musikalischen Fähigkeiten würden – realistisch eingeschätzt – nie ausreichen, viele Musikstücke, die mir sehr am Herzen liegen, so zu spielen, wie ich es gerne hören würde. Meine Berufswahl würde mich also sicher nicht glücklich machen. Das wurde mir auf der Rückfahrt klar, glasklar in aller Härte und Deutlichkeit.

 

OfMusikt denke ich daran, was wohl gewesen wäre, wenn ich nach dem Progymnasium in ein musikalisch orientiertes Gymnasium gegangen wäre, wie ich es mir damals gewünscht hatte. Seinerzeit kam das neue Kurssystem auf und ich hätte dort gerne den Leistungskurs Musik gewählt. Die Ausbildung, hieß es, solle dort, an meinem Wunschgymnasium, außerordentlich streng und gut sein. Mein Wunsch wurde aber nicht ernst genommen und so ging ich auf ein naturwissenschaftlich orientiertes Gymnasium, an dem kein LK Musik angeboten wurde, und bereitete mich außerschulisch auf meine Aufnahmeprüfung vor, die ich auch so sicher bestanden hätte, wenn auch eher mittelprächtig.

Die Freude am Klavierspiel blieb dennoch, auch nach dieser Entscheidung. Es gab allerdings lange Perioden, in denen ich kaum oder gar nicht gespielt habe, aus beruflichen und familiären Gründen, vor allem aber während meines späteren Studiums, damals kam ich praktisch gar nicht dazu. Unterricht nahm ich bis vor ein paar Jahren auch nicht mehr.

Heute verbringe ich wieder viel Zeit damit, auch wenn ich kaum mal ein mittelschweres Stück fehlerfrei oder gut interpretiert durchspielen kann, von einem Repertoire ganz zu schweigen. Zum Vorspielen taugt es nicht. Das macht aber nichts, ich lerne wenigstens die Musik mir wichtiger Komponisten genauer kennen. Es bereitet mir Freude, an kleineren Details zu feilen, die Strukturen der Komposition kennen zu lernen, mir über mögliche Phrasierungen und Zusammenhänge Gedanken zu machen, mit den Fingern das Stück zu ertasten. Ich könnte Stunden damit zubringen, in aller Zufriedenheit. Das Feedback, das ich alle vier, fünf Wochen von meinem Klavierlehrer bekomme, genügt mir. Vor ihm, das liegt nur wenige Jahre zurück, hatte ich gar keines, das ging auch. In letzter Zeit erhielt ich via Twitter zusätzlich noch sehr guten Privatunterricht, der mich technisch recht gut voranbrachte, nun macht mir das Spiel noch mehr Freude.

Nun gut, das Ganze ist eine ziemlich solipsistische Tätigkeit, denn, wie erwähnt, zum Vorspielen ist meine „Kunst“ nicht gut genug, auch nicht für ein informiertes Laienpublikum, zudem bin ich viel zu nervös dafür und reagiere regelmäßig mit Blockaden.

Warum verbringe ich so viel Freizeit mit meinem Klavier, vorzugsweise zu meiner „Grünteezeit“ nach Feierabend oder in den frühen Morgenstunden? Ich nenne es einfach Liebe. Ein Begriff, mit dem ich trotz seiner Abgedroschenheit immer noch etwas anfangen kann. Ja, Liebe und Hingabe.

Es gibt auch noch einen weiteren Grund, der mir erst gestern richtig klargeworden ist. Den werde ich aber in einem der nächsten Beiträge betrachten, da er über das Klavierspiel weit hinausgeht.

Ja, sehr oft denke ich daran, was wohl gewesen wäre. Vielleicht hätte ich durch den Leistungskurs die notwendige Sorgfalt für meine Klaviertechnik aufgebracht und wäre besser geworden. Vielleicht hätte ich dann studiert, könnte womöglich die Sonate von Alban Berg, die Sonate-Fantaisie von Alexander Skrjabin, die „Pastorale“ von Beethoven, die vierte Ballade von Chopin etc. spielen? Das stelle ich mir oft traumhaft vor.

Aber ich möchte nicht hadern. Es waren nicht nur die äußeren Umstände, es gab auch zwei Probleme, die mir die Jugend schwergemacht haben und die mich oft an ernsthafter Arbeit gehindert haben, über die möchte ich hier allerdings nicht sprechen. Ich kann eigentlich niemandem außer mir die Schuld dafür geben, dass letzten Endes nichts aus meinem Jugendtraum geworden ist.

Doch Schuld geben ist ohnehin keine gute Strategie, Hadern ist ebenfalls nicht gut, man fühlt sich schnell als zu kurz Gekommener, entwickelt womöglich Ressentiments; das beobachte ich zumindest immer wieder bei sehr vielen Menschen. Sie werden dann trübsinnig und oft genug sogar hasserfüllt.

Und warum sollte ich auch? Ich bin überaus glücklich und zufrieden mit meiner großen Liebe, dem Klavier, ganz privat und in aller Amateurhaftigkeit.

 

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Grönland 2015 – I. Die Tour

Am Limnaeso

Am Limnaeso, Arctic Circle Trail

Seit etlichen Jahren wollte ich wieder einmal auf eine längere Trekkingtour nach Skandinavien gehen, jeden Spätsommer bekam ich Heimweh, eine Gelegenheit ergab sich aber leider nie. 2014 endlich habe ich mich entschieden, den Wunsch umzusetzen, bevor mich noch irgendwelche Knie- oder Rückenprobleme endgültige an solchen Trecks hindern sollten. Solche Fälle kennt ja vermutlich jeder aus seinem Umfeld. Zufällig bin ich 2014 über meine Twitter-Timeline auf den Arctic Circle Trail (ACT) in Grönland gestoßen und habe mir den spontan für 2015 vorgenommen.

An Nord-Skandinavien und anderen arktischen Gebieten reizen mich seit

Arktisches Weidenröschen (Epilobium latifolium) am Amitsorsuaq

Arktisches Weidenröschen (Chamerion latifolium) am Amitsorsuaq

meiner ersten Begegnung die großräumigen, noch halbwegs naturnahen Landschaften, das Licht, die Weite und die Stille. Botanisch gibt Skandinavien zwar nicht mehr her als unsere (Silikat)alpen, zumindest wenn man nur die Artenzusammensetzung betrachtet, aber man hat die Gelegenheit, zahlreiche Pflanzen- und Flechtengesellschaften in noch einigermaßen unberührtem Zustand und größerem Zusammenhang zu studieren. Ich liebe die Kargheit und Fragilität der Lebensgemeinschaften, die Frostböden, die flechtenreichen Zwergstrauchheiden. Ich liebe den Aufenthalt in einer Natur ohne Lichtsmog oder Zivilisationslärm und die Herausforderung, nur mit dem zu leben, was ich selbst mit mir herumtrage oder in der Natur vorfinde.

Ein gutes Dreivierteljahr habe ich mir Zeit für die Vorbereitung genommen, hart trainiert, 20 kg abgenommen und akribisch geplant. Es hat sich gelohnt.

Landzunge am Amitsorsuaq

Landzunge am Amitsorsuaq

Ich habe die Tour alleine gemacht, um die Stille besser genießen zu können und um mein eigener Herr sein zu können. Als Botaniker kann man die Geduld der Mitwandernden schon sehr strapazieren, da geht man doch besser solo. Die Tour habe ich in vierzehn Etappen aufgeteilt, zu schaffen ist sie in wesentlich weniger Zeit. Der sportliche Aspekt war für mich aber nachrangig, ich wollte mir in allererster Linie Zeit lassen. Der Nachteil für diesen Luxus (Alleingang und Zeit – und natürlich jede Menge Tee -) war das recht umfangreicher Gepäck. Mit Brennstoff und Kameras kam ich auf über 30 kg Rucksackgewicht. Das Gewicht war jedoch zu keiner Zeit ein Problem.

Mitternachtssonne

Spät abends, die Sonne möchte nicht untergehen und bewegt sich entlang des Horizonts.

Der Weg verläuft in Westgrönland etwa 100 km nördlich des Polarkreises zwischen Inlandeis und Küste und verbindet die Städte Kangerlussuaq, eine Flughafenstadt mit Wohncontainercharme, doch großartiger Umgebung, und Sisimiut, das ist die zweitgrößte Stadt Grönlands. Der Trail ist etwa 170 km lang mit ca. 3.500 m Höhenunterschied (auf und ab) und führt durch eine abwechslungsreiche Landschaft mit Seen, Flüssen, wundervollen Hochebenen und Fjorden. Zwischendurch besteht mit etwas Glück die Möglichkeit, einen Teil des Wegs mit dem Kanu zurückzulegen. Der Trail kann nicht

Tal zwischen den Seen Amitsorsuaq und Kangerluatsiarsuaq

Tal zwischen den Seen Amitsorsuaq und Kangerluatsiarsuaq

abgekürzt werden (es sei denn, man lässt sich in einem der Fjorde absetzen oder abholen), darin liegt eine der Herausforderung. Die Schwierigkeit der Tour hängt ganz entscheidend vom Wetter und davon ab, wie trocken oder nass das Jahr war. Ich hatte da bis auf wenige (und dann umso heftigere) Ausnahmen Glück. Bei der Orientierung hatte ich keinerlei Probleme, die Karten genügten mir in dem übersichtlichen Gelände völlig. GPS-Gerät und ein brauchbarer (!) Kompass waren natürlich trotzdem dabei. Bei Nebel stelle ich mir zwei Abschnitte auf den Hochflächen problematisch vor. Die Hütten sind reine Selbstversorgerhütten und bis auf eine recht klein. Getestet habe ich keine, ich habe es immer vorgezogen, im Zelt zu schlafen und das meistens abseits der Hütten.

Kangerluatsiarsuaq

Kangerluatsiarsuaq

2015 sei ein Rekordjahr gewesen, nie zuvor waren wohl mehr Wanderer auf dem ACT unterwegs, erfuhr ich im Vandrehjem in Sisimiut. Tatsächlich gab es nur zwei Tage, an denen ich niemandem begegnet bin und drei, an denen ich Leute nur aus der Ferne sah. Es muss aber nicht heißen, dass man alleine ist, wenn man das meint. In der letzten Nacht im stürmischen Fjäll, an dem ich mir wegen des Wetters recht sicher war, allein zu sein, muss Reeve, ein sehr sympathischer Neuseeländer, in meiner Nähe übernachtet haben. Wir haben uns aber erst am nächsten Tag beim Abstieg getroffen. Abgesehen von diesen fünf ruhigeren Tagen gab es täglich Begegnungen, meist mit herzlichen Gesprächen. Einigen der Mitwanderer bin ich nach Ende der Tour in Sisimiut noch einmal begegnet.

Es gibt manche Unterschiede zwischen dem Arctic Circle Trail und dem Teil

Sandstrand am Kangerluatsiarsuaq

Sandstrand am Kangerluatsiarsuaq

Skandinaviens, in dem ich sonst schon unterwegs war, also Schwedisch Lappland zwischen Abisko, Vistas, Sälka und Unna. Es fehlen in Grönland die Birkenwälder. Täler wie das Vistastal habe ich schon vermisst. Dafür gibt es in Grönland reichlich Sanddünen und –strände, die sehr eindrucksvoll sind. Der Sand dafür wird über die Eiskappe eingetragen. Die Seen sind fischreicher, es gibt wesentlich mehr Wasservögel, deren Rufe und Gesänge mir abends viel Freude bereitet haben, hier insbesondere die Taucher und Gänse. Die wilden Rentiere Grönlands sind wesentlich größer als die domestizierten Lapplands, es gibt Moschusochsen (ich habe allerdings das Kunststück fertiggebracht, keinen einzigen lebenden zu sehen, als Entschädigung dafür aber einen Polarfuchs) und Schneehasen, Eisbären kommen in der Gegend nicht vor. Eisberge gibt es in der Region um den ACT ebenfalls nicht. Der von Süden kommende Westgrönlandstrom, der sich aus dem warmen Irmingerstrom, einem Ausläufer des Golfstroms, und dem kühlen Ostgrönlandstrom besteht, hält die Küste bis zur Diskobucht das ganze Jahr über eisfrei. Erst nördlich davon, in der Baffinbucht, kommt der Einfluss des kalten Labradorstroms zur Geltung.

Hochebene mit Blick auf die Seen Kangerluatsiarsuaq (rechts) und Tasersuaq (links)

Hochebene mit Blick auf die Seen Kangerluatsiarsuaq (rechts) und Tasersuaq (links)

Soweit der Überblick über meine erste Grönlandwanderung und ein paar Fotos dazu. Ich werde in diesem Blog immer mal wieder einige Aspekte dieser Tour aufgreifen und näher darauf eingehen. Es schwirrt eine ganze Menge in meinem Kopf herum. Vieles hat mich auf dem Weg beschäftigt, vieles beschäftigt mich immer noch, einiges ist mir klar geworden, es gibt ein dickes Tagebuch und tausend Fotos.

Es gab auch einige Tiefpunkte, die gibt es eigentlich immer auf solchen Wanderungen, aber insgesamt war die Tour einfach klasse, ich habe sie sehr genossen, mich in Grönland verliebt und werde der Insel noch eine Weile treu bleiben. Für 2016 steht deswegen eine zweiwöchige, wohl weitgehend weglose Wanderung auf Qeqertarsuaq (Disko-Insel) an und was dafür schon gebucht werden konnte, ist es bereits.

Anflug auf Kangerlussuaq

Anflug auf Kangerlussuaq

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Russel-Gletscher bei Kangerlussuaq

Russel-Gletscher bei Kangerlussuaq

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Angekommen.

Angekommen

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Arktisches Weidenröschen

Arktisches Weidenröschen

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Am Kangerluatsiarsuaq

Am Kangerluatsiarsuaq

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Tannenwedel-Gesellschaft am Kangerluatsiarsuaq

Tannenwedel-Gesellschaft am Kangerluatsiarsuaq

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Ikkatooq-Hütte

Ikkatooq-Hütte

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Ole's Lakseelv Tal

Ole’s Lakseelv Tal

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Flussdurchquerung (Ole's Lakseelv)

Flussdurchquerung (Ole’s Lakseelv)

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Maligiaq-Fjord

Maligiaq-Fjord

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Blick zurück auf das Flusstal (Ole's Lakseelv)

Über dem Flusstal (Ole’s Lakseelv)

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Hochebene zwischen Eqalugaarniarfik und Innajuattoq

Hochebene zwischen Eqalugaarniarfik und Innajuattoq

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Hochebene zwischen Eqalugaarniarfik und Innajuattoq mit Blick auf den schneebedeckten Igannaq

Hochebene zwischen Eqalugaarniarfik und Innajuattoq mit Blick auf den schneebedeckten Igannaq (rechts)

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Rentier in der Nähe von Innajuattoq

Rentier in der Nähe von Innajuattoq

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Kangerluarsuk Tulleq Fjord

Kangerluarsuk Tulleq Fjord

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Zeltplatz im Fjäll vor Sisimiut

Zeltplatz im Fjäll vor Sisimiut

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Blick ins Tal vor Sisimiut mit dem Nasaaq-Massiv

Über dem Tal vor Sisimiut mit dem Nasaaq-Massiv im Hintergrund

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Tal vor Sisimiut mit dem Nasaaq-Massiv

Tal vor Sisimiut mit dem Nasaasaaq-Massiv

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Die Blaue Kirche in Sisimiut

Die Blaue Kirche in Sisimiut

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Literatur:

„Grönland: Arctic Circle Trail“, M. Woick, O. Schröder und D. Kuhnert, Conrad Stein Verlag, 2. Auflage 2014

Wanderkarten Westgrönland, 1:100.000: „Kangerlussuaq“, „Pingu“ und „Sisimiut“

„A Nature and Wildlife Guide to Greenland“, Benny Génsbol, Gyldendal Publishers, 2004

„Grönland. Ein kleiner Pflanzenführer.“ E. Lindner, H. Held, L. Martins, Arktis Kleinverlag, 2011

„Kälte, Wind und Freiheit“, Robert Peroni, Malik, 3. Auflage 2015

 

 

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Grünteezeit, Musik und Biologie – in eigener Sache

Seit einiger Zeit präsentiere ich auf Twitter unter dem Stichwort Guten-Morgen-Musik Werke aus der klassischen Literatur, in der Hauptsache Klaviermusik. In die Auswahl kommen nicht die besten Interpretationen der Stücke, vor allem deswegen, weil ich mir die Beurteilung, welches die besten oder gar Referenzaufnahmen sind, nicht zutraue. Auf Twitter, auch in meiner TL, gibt es viele ProfimusikerInnen und Amateure mit wesentlich besserem Gehör und Musikverständnis als ich es besitze. Mir geht es lediglich darum, meine Freude an klassischer Musik zu teilen und vielleicht die eine oder den anderen neugierig zu machen. Das ist alles. Es sind weder Kaufempfehlungen, noch möchte ich mich als Experten oder besonders bewanderten Hörer darstellen.

Harmlose Spielfreude ist auch mein Umgang mit dem Klavier. Da ich wenig Wesentliches zu Politik und Weltgeschehen auf Twitter beizutragen habe, schreibe ich vorwiegend über mich und meinen Alltag. Dazu gehört meine „Grünteezeit“ am Nachmittag oder Abend, zu der ich sehr gerne Klavier übe. Das Klavier ist ein wesentlicher Bestandteil meines Lebens, das haben sicher schon einige mitbekommen. Das bedeutet aber nicht, dass ich gut Klavierspielen kann, ich bin lediglich ein mittelprächtiger Amateur und nichts, was ich spielen kann, würde sich für einen Vortrag außerhalb des Musikunterrichts eignen. Für mich persönlich ist es sehr wichtig, das ist aber auch schon alles.

Noch ein paar Worte zur Biologie. Ich habe Biologie studiert, arbeite aber nicht als Biologe. Meine Liebe zu Musik und Biologie machen mein Wesen aus, daher steht in meiner „Bio“ auch Biologe. Mein Interesse in der Biologie gilt vorwiegend der Evolution und (kleinräumigen) Ökosystemen (was für mich zwei Seiten ein und derselben Medaille sind), in beiden Fällen liegt mein Hauptinteresse bei Mikroorganismen (Biofilmen), Pilzen, Flechten und Pflanzen, also keine Themen, die von allgemeinem Interesse sein könnten. Zu Nutzanwendungen (auch Küchenmykologie) kann ich wenig beisteuern, zu Esoterik gar nichts.

Auf Twitter wird besonders gerne projiziert und überhöht. Mit diesem Beitrag möchte ich dem, soweit es meine Person betrifft, entgegensteuern.

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Fiebertage

Fiebertage. Ich liege auf dem Tagesbett, empfindsamer als an den üblichen, gesunden Tagen. In der Wohnung herrscht Stille, weder Radio noch Fernseher laufen. Das Fenster ist weit geöffnet, die Gardinen bewegen sich im leichten Frühlingswind. Es soll heute ein Gewitter geben, gegen Abend, aber noch ist es erfrischend kühl. Aus der Ferne höre ich die Straßengeräusche der Bundesstraße, je nach Windrichtung werden sie leiser oder lauter. Lastwagen klingen anders, man kann sie leicht heraushören. Viel näher ist der Vogelgesang, er hört sich auch bedeutender an.

HülleEs ist mir, als spiele sich die Welt nur dort draußen ab und ohne mich funktioniert sie offensichtlich genauso gut, ich bemerke keinerlei Störung. Ich döse und meine Gedanken schweifen zwischen meinem Buch, das die meiste Zeit aufgeschlagen auf meiner Brust ruht, etwas Mathematik und meinen Erinnerungen hin und her. Neben mir steht immer eine Kanne Tee. In wacheren Momenten setze ich mich auch ans Klavier, übe langsam ein paar Takte Haydn oder Schumann. Auch davon lässt sich die Welt nicht weiter stören. Nebenan wird ein Rasenmäher angeworfen. Öfter als man denken mag, erklingt auch ein Martinshorn. Wie immer, wenn ich leichtes Fieber habe, spüre ich die Zeit und das Leben wesentlich intensiver als an gesunden Tagen, auch wenn ich mich kaum einmal länger konzentrieren kann.  Vielleicht weil Konzentrieren auch bedeutet, außer sich zu sein. Heute wäre ein guter Tag, die Dinge zu sagen, die man anderen noch sagen wollte. Morgen bin ich womöglich wieder draußen.

 

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Grönland 2015 – Vorbereitung

Ich tu’s.

Seit Jahren träume ich davon, wieder einmal nach Lappland oder eine andere arktische Region zu reisen und dort zu wandern.

Polarkreis - Schweden

Polarkreis – Schweden, 1995

Kennen und lieben gelernt habe ich Schwedisch-Lappland während meines Biologiestudiums. Der Lehrstuhl Pflanzenphysiologie bot eine vierzehntägige Exkursion an, an der ich fünfmal teilnahm, davon zweimal als Exkursionsleiter einer der beiden Teilgruppen. Obwohl meine erste Tour (1995) recht verregnet war und ich viel zu viel Gerödel durchs Fjäll schleppte, war ich begeistert von der Landschaft, der Stimmung und den Ökosystemen.

Stuor Reaiddavaggi zwischen Sälka und Nallo mit Polyfonböden und Solifluktion.

Stuor Reaiddavaggi zwischen Sälka und Nallo mit Polygonböden und Solifluktion, 1998.

Nordeuropa bietet im Gegensatz zu Mitteleuropa immer noch großräumige, weitgehend natürliche Gebiete mit zahlreichen Feuchtgebieten und frei mäandrierenden Flussläufen. Die teilweise kargen und doch vielfältigen Pflanzengesellschaften, an denen oft Flechten und Moose beteiligt sind, die gesamte Ökologie einschl. der parasitischen Pilze (01) begeistern mich sehr. Von der Biologie ganz abgesehen bin ich hingerissen von der Landschaft, den Gebirgsformationen, den U-Tälern, ich genieße die Zivilisationsferne ohne Lichtsmog, Hektik und Lärm (darüber habe ich schon an anderer Stelle geschrieben: „Knisternde Stille“ https://klauslorch.wordpress.com/2012/11/08/knisternde-stille/ und „Verlassene Lichtung“ https://klauslorch.wordpress.com/2011/04/22/verlassene-lichtung/).

Trotzdem ergab sich nach 2000 keine Gelegenheit mehr, in diese oder vergleichbare Gegenden zu reisen. Letztes Jahr dachte ich mir, dass ich mich in meinem mittlerweile fortgeschrittenen Alter so langsam mal aufraffen sollte, wenn ich das alles noch einmal erleben möchte; noch habe ich z. B. keine Knie- oder Rückenprobleme, was sich bekanntlich schnell ändern kann.

Blick auf Tjäktjavagge mit Tjäktjajakka und Blick ins Geargevaggi.

Blick auf Tjäktjavagge mit Tjäktjajakka und Blick ins Geargevaggi, 1998.

Die gleiche Tour wie während der Universitätszeit möchte ich nicht mehr machen, schon alleine, weil es einem Vergleich nicht standhalten kann, da wir ja in der Gruppe unterwegs waren. Die Gegend (zwischen Abisko im Norden und Sälka im Süden) darf es aber schon sein. Nur möchte ich noch mehr abseits der Hauptwanderstrecke Kungsleden unterwegs sein, vorwiegend oder ausschließlich im Zelt übernachten und vielleicht einmal bis in das Gebiet des Stonsteinsfjellet (Norwegen) vordringen. Den Gletscher dieses Berges habe ich von Unna Alakas aus gesehen und er hat mich immer angezogen.

Unna Alakas, 1997

Unna Alakas, 1997

Mein Plan wäre, bald nach dem Kiron den Kungsleden zu verlassen um bei Sälka wieder kurz auf ihn zu stoßen und danach über den Nordkalottleden über Norwegen und Unna wieder zurückzukehren. Es gäbe auch sonst noch einige, weniger begangene Wege, die bei einigermaßen gutem Wetter zu schaffen sein müssten

Weitere gedankliche Alternativen waren Island oder der Sarek Nationalpark. Letzten Sommer wurde ich dann noch durch einen Twitterer (@Koerb_de / http://www.koerb.de/ ) in meiner Timeline auf den Arctic Circle Trail in Grönland aufmerksam gemacht, und der Gedanke, dorthin zu reisen, ließ mich nicht mehr los.

Ahpparjavri, 1995

Ahpparjavri, 1995

Welche Tour es letztendlich werden sollte, wollte ich von meiner Fitness abhängig machen. Die erste kann man notfalls abkürzen, ich kenne mich in der Region aus und die Hütten haben Nottelefone. Meistens ist auch ein(e) Hüttenwirt(in) da und auf jeder zweiten entlang des Kungsleden kann man Proviant kaufen, worauf man sich allerdings gegen Ende der Saison nicht verlassen sollte. Das alles fällt beim Circle Trail weg.

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Im Oktober habe ich mit meinem Training begonnen und die Vorfreude hat mich unwahrscheinlich angespornt. Hilfreich waren von Anfang an ein Pulsmesser und eine Nahrungsmittelapp, die mir mein älterer Sohn empfohlen hat. Seit Mitte Oktober habe ich gut 10 kg abgenommen und meine Trainingsleistungen enorm verbessert. Mein letzter gründlicher Gesundheits-Check mit Belastungs-EKG fiel top aus und damit war für mich die Entscheidung gefallen: ich habe die Flüge nach Grönland gebucht. Die anderen Touren verschiebe ich auf die kommenden Jahre.

Sälka - Präsentation der bestimmten Pflanzen (Autor), 1997

Sälka – Präsentation der bestimmten Pflanzen (Autor), 1997

Wandern werde ich gegen Ende der Saison, das hat sich auch in Lappland immer bewährt; zu dem Zeitpunkt sind die Mücken meistens durch erste Nachtfröste dezimiert. Die meisten Blütenpflanzen sollte ich auch in nicht blühendem Zustand erkennen können. Ich werde mir mit vierzehn Tagen (plus zwei Puffertagen zur Sicherheit) ausreichend Zeit nehmen für die Strecke, damit die Botanik auf keinen Fall zu kurz kommt. Vielleicht reicht die Zeit sogar noch für die eine oder andere pflanzensoziologische Aufnahme, das hoffe ich sehr. Aus Erfahrung weiß ich, dass mir mit Gepäck mehr als 20 km am Stück keinen Spaß machen, weswegen die längsten Etappen etwa 17 bis 18 km lang sein werden.

 

Die Liste der Gefäßpflanzen ist überschaubar, nimmt man Moose und Flechten dazu, wird es schon deutlich schwieriger, den Überblick zu behalten. Aber ich habe ja noch einige Zeit für die Vorbereitung und bin schon eifrig dabei, da sie mir schon unwahrscheinlich viel Freude macht; sie macht einen guten Teil meiner Euphorie aus, die mich derzeit durch mein recht anstrengendes Konditionstraining trägt. Genauer anschauen möchte ich mir insbesondere die Feuchtgebiete und den Bewuchs der Fließ- und Polygonböden, die Wunschliste wird aber während der Vorbereitungsphase sicher noch länger werden.

Grönland, ich komme!

 

Salix herbacea (Krautweide) mit Rhytisma salicinum (Teerfleckenkrankheit der Weide), 1995

Salix herbacea (Krautweide) mit Rhytisma salicinum (Teerfleckenkrankheit der Weide), 1995

  1. Ich habe z. B. selten so häuft mit Anthracoidea (eine Brandpilzgruppe) befallene Carices gesehen, wie in Lappland.
Falkenraubmöwe, 1995

Falkenraubmöwe, 1995

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Melancholie, Dämonen, ein Klavier und zwei Bücher (keine Rezension)

Ich möchte mir heute etwas von der Seele schreiben, was mich nun schon seit einigen Wochen plagt. Zu meiner Stimmung passen gut zwei Bücher, die ich gerade gelesen habe, weswegen ich sie hier erwähne. Es sind „Verlangen und Melancholie“ von Bodo Kirchhoff und „Die Wand“ von Marlen Haushofer. Mein Klavier spielt eine zentrale Rolle und wenn ich nun noch etwas über die Dämonen erzähle, haben wir die Überschrift beisammen.

Lappland, zwischen Sälka und Nallo.

Lappland, zwischen Sälka und Nallo.

Die Rahmenhandlung der beiden Bücher deckt sich nicht mit meinen Erlebnissen, dennoch gibt es Gründe und auch gewisse Parallelen, warum die beiden Bücher gerade jetzt so einen tiefen Eindruck bei mir hinterlassen haben. So tauchen während des gesamten Romans „Verlangen und Melancholie“ immer wieder Erinnerungen, die Hinrich, der Erzähler, an seine ehemalige Frau hat, auf. Sie hat sich, und hier endet zum Glück diese Parallele, umgebracht. Die Szenen und Gespräche aus der gemeinsamen Vergangenheit, von denen der Leser nach und nach erfährt, sind vielleicht sogar bedeutender als die eigentliche Handlung.

Obwohl die Trennung von meiner langjährigen Partnerin nun gut 15 Monate zurück liegt, holen mich die Bilder, die Gefühle, die Melancholie erst jetzt richtig ein. Wegen ihrer Intensität und ihrer Hartnäckigkeit nenne ich sie gelegentlich Dämonen. Ich sehe jeden Tag und jede Nacht Bilder von ihr, Bilder von uns, von schönen Tagen und den Tagen des Abschieds, der vielleicht nur ein vorübergehender hätte sein müssen, aber ein endgültiger wurde. Ich erinnere mich an Gespräche, sehe anklagende Bilder und Bilder einer schönen, glücklichen Zeit und fühle mich ziemlich schäbig, frage mich, ob die Trennung wirklich nötig war. Verstärkt werden die Gefühle noch dadurch, dass ich gerade wieder Fotos bearbeite, die aus unserer gemeinsamen Zeit stammen, das allein erklärt jedoch nicht diese Intensität.

Lappland 1997Ich denke, die Dämonen kommen einfach, seit ich wieder richtig fühlen kann; die Mauer, die ich um mich errichtet habe, bröckelt. Die Gründe für die Trennung waren augenscheinlich die üblichen; vieles wird Routine, man lebt nebeneinander her, schließlich lebt man sich auseinander und dann kommt eine andere Frau bzw. ein anderer Mann ins Spiel.

Ich habe seinerzeit wohl nachvollziehbar gehandelt: ich fühlte mich weitgehend überflüssig, zunehmend unwohl und das allerwichtigste in einer guten Beziehung, der gegenseitige Respekt, wurde immer weniger.

Es geschah aber auch aus einer depressiven Grundstimmung heraus. Ich befürchtete, mich demnächst aufzugeben und das ist der bedenkliche Anteil. Die üblichen Probleme einer längeren Partnerschaft waren Realität, denke ich. Dass ich einen wichtigen Teil von mir aufgebe, hat allerdings nie jemand von mir verlangt, schon gar nicht meine Partnerin, um die es hier geht. Trotzdem hätte ich es getan, weil ich nach Harmonie im menschlichen Miteinander strebe und Streit gerne vermeide. Ich passe mich gerne an und versuche mögliche Disharmonien schon im Vorfeld zu vermeiden. Das ist eine ungünstige Voraussetzung für eine Partnerschaft und vielleicht bin ich deswegen auch für keine weitere mehr geeignet.

Passiert ist mir das bis jetzt in jeder Beziehung und es war auch jedes Mal der Anfang vom Ende. Dieser verhängnisvolle Hang, die eigenen Bedürfnisse zurückzustellen, hängt vielleicht damit zusammen, dass ich der mittlere von drei Brüdern bin – man sagt ja, dass die gerne vermitteln – und dass ich immer das brave Kind war. Aber egal warum, dieser drohende, vorauseilende Verhaltensopportunismus war der ausschlaggebende Grund, warum ich flüchtete. Eine Flucht war es, obwohl ich mir aus Respekt mehrere Tage Zeit für den Abschied nahm, denn die Entscheidung stand ja fest.

Es lag in der Luft, dass wir zusammen ziehen würden, nach über neun Jahren vermutlich nichts Abwegiges.

Wären wir aber zusammengezogen, hätte ich wohl mit der Zeit aufgegeben, Klavier zu spielen; es wäre jedenfalls weniger geworden, obwohl – wie angedeutet – meine Partnerin Musikdas nie von mir verlangt hätte. Eigentlich kann ich ihr gar nichts vorwerfen, die Probleme gingen von mir aus. Es hätte Schwierigkeiten gegeben, deren Gründe ich hier nicht ausbreiten möchte, und vor denen wäre ich sicher zunehmend ausgewichen, hätte statt dessen Dinge getan, von denen ich annehme, dass sie besser zu einem harmonischen Miteinander passen würden oder hätte mich abgekapselt. Das wäre natürlich auf Dauer nicht gut gegangen, irgendwann hätte sich meine Unzufriedenheit – deren Ursache mein seltsames Anpassungsverhalten gewesen wäre – sicher Bahn gebrochen.

Nun bin ich nur Amateur am Klavier und nicht einmal ein besonders guter, aber dieses Instrument bedeutet mit sehr viel, schon seit frühen Kindertagen, als Jugendlicher war es mein wichtigster Zufluchtsort. Es ist sogar einer der Gründe, warum ich nach meiner Diplomarbeit in der Biologie – neben dem Klavierspiel eine weitere große Liebe – nicht weitergemacht und keine Universitätskariere angestrebt habe. Ich kannte und kenne mich gut genug, um zu wissen, dass ich mir dann kaum noch Freizeit und damit auch keine Zeit für das Klavierspiel gegönnt hätte.

Ein anderer wesentlicher und sicher vernünftiger Grund war der, dass ich eigentlich schon zu alt war; ich begann erst spät mit meinem Studium und beendete die Diplomarbeit mit 39. Aber dieser eine, der wegen des Klaviers, der unvernünftige Grund war der ausschlaggebende, daran hatte ich nie einen Zweifel. Den anderen nenne ich nur, wenn ich meine, mich rechtfertigen zu müssen; klingt irgendwie plausibler, finde ich, und führt zu weniger Fragen.

Womöglich würde mir ein Psychologe dringend raten, das Klavierspiel endlich aufzugeben, wenn doch nichts dabei raus kommt und ich mir nur ständig mit diesem solipsistischen Tun mein Leben ruiniere. Aber ich habe meine Entscheidung getroffen und ich stehe auch heute noch dazu (ich höre meistens auch nicht auf die Ratschläge von Psychologen; die sind in meinem Verständnis zum Zuhören und vor allem für gute Nachfragen da).

Dennoch fühle ich mich schlecht, weil ich wegen Egoismus und einer Lappalie, die es ja wohl für Außenstehende ist, so viel Wichtiges zerstört habe und meine Loyalität aufgekündigt habe.

Und dieses Gefühl, diese Bilder lassen mich seit Wochen nicht mehr los, verfolgen mich Tag und Nacht, und es fällt mir sehr schwer, ihnen wenigstens zeitweise zu entkommen.

Ich möchte nicht unterschlagen, wie es mit der Frau, die mit im Spiel war, weitergegangen ist:

Ich konnte mich in der Hinsicht  ja immer gut beherrschen; wenn ich mich in einer festen Partnerschaft befand war ich nie untreu; darauf bin ich auch ziemlich stolz. Wäre alles in Ordnung gewesen, hätte ich auch dieses Mal die Gefühle gar nicht erst zugelassen, treu blieb ich trotzdem. Aber dieses Mal ließ ich sie zu und verliebte mich schrecklich. Jedoch, um es kurz zu mache, die Verliebtheit war ein riesengroßer Irrtum, wie wir recht bald herausfanden. Eigentlich passten wir überhaupt nicht zusammen. Nun denn, so was gibt’s, Tragikomödien, die das Leben schreibt. Geschieht mir recht, denke ich im Nachhinein.

Seltsam finde ich, dass mich die Gefühle erst jetzt richtig einholen, wo es doch schon eine gute Weile her ist. Sicher, ich war noch nie ein Freund des „Das war’s“, nur sehr wenige SardinienMenschen, mit denen ich engeren Kontakt hatte, beschäftigen mich heute nicht mehr. Doch diesmal ist es anders, erst jetzt fühle ich den Trennungs- und Verlustschmerz, etwas, was ich vielleicht besser schon damals gefühlt hätte. Es mag sein, dass es daran liegt, dass mich seinerzeit ständig das Gefühl der Zerrissenheit plagte, gelegentlich war ich fast panisch, nicht nur wegen unserer Geschichte, auch aus beruflichen Gründen und einer Unzufriedenheit mit mir selbst. Die ganze Zeit war ich am Laufen, ich konnte kaum schlafen. Da war wohl wenig Platz für weitere Gefühle, nur noch für Entscheidungen, Schnitte und Schritte.

Der November mag auch seinen Teil zu meiner melancholischen Stimmung beisteuern.

Hochfläche bei Castellucio, Nationalpark Monti Sibillini

Hochfläche bei Castellucio, Nationalpark Monti Sibillini

Wie auch immer, jedenfalls tauchen die Gefühle, die eigentlich akute sein sollten, erst jetzt auf. Besonders schwer fällt mir auch, meine Reisen zu planen. Dieses Jahr ging es noch ganz gut, alleine durch Italien (Sibillinische Berge, Marken, Umbrien) zu reisen und zu wandern. Bei den Plänen für nächstes Jahr bemerke ich schon eine gewisse Lustlosigkeit. Unsere Reisen waren einfach immer klasse, nicht nur wegen unseres gemeinsamen Interesses an Biologie und Geologie.

Lappland, bei Sälka

Lappland, bei Sälka

Ich denke, ich werde in Zukunft eher die Touren unternehmen, die wir gemeinsam nicht unternommen hätten, also längere autarke Touren mit Zelt und kompletter Verpflegung, vermutlich besser alleine.

Es reizen mich vor allem polare Regionen, Südbuchen- und Nebelwälder, vorwiegend der gemäßigten und kühlen Klimaregionen. Wenn ich mich fit halte und keine Krankheiten und orthopädische Probleme bekomme, müsste ich solche Touren noch gut zehn Jahre lang unternehmen können. Diese Ziele halten mich gerade über Wasser, es sind keine einfachen Reisepläne, sondern auch eine ziemliche Herausforderung und wenn ich weiter so trainiere wie die letzten eineinhalb Monate, werde ich sie auch in Angriff nehmen.

Ortlergebiet

Ortlergebiet

Noch ein paar Sätze zum zweiten Buch, „Die Wand“ von Marlen Haushofer, und dazu, warum es auch gerade gut zu meiner Stimmungslage passt. Ich müsste eigentlich Geschichte statt Buch sagen, denn ich sah zuerst den Film und diesen gleich dreimal hintereinander, bevor ich zum Buch griff. Einer der sehr seltenen Fälle, in denen mir Buch und Film gleichermaßen gefallen. Meistens gewinnt das Buch, fast immer sogar. Bei Melvilles „Moby Dick“ war es umgekehrt, sonst fällt mir gerade kein Beispiel ein.

Es gibt einige interessante Interpretationsansätze dieses Buches, die zu verfolgen reizvoll wären, ich gehe darauf jetzt nicht ein. Ich denke, dass ich mich oft in meinem Leben so gefühlt habe, wie die Erzählerin und Protagonistin, getrennt von allen anderen Menschen, sie natürlich real, ich nur gefühlt. Vieles, was in dem Buch zur Sprache kommt, könnten auch meine Gedanken sein. So fürchte ich mich schon immer weniger vor Tieren als vor Menschen; es gibt kaum Tiere, mit denen ich eine Begegnung vermeiden möchte, und bei den wenigen gibt es dafür auch sehr gute, rationale Gründe, doch selbst da bin ich nicht wirklich konsequent. Es ist aber vorwiegend die Stimmung, die sich durch das ganz Buch zieht, die gerade so gut zu meiner eigenen passt.

Trotz der Melancholie, die in der Geschichte immer wieder auftaucht, finde ich sie nicht pessimistisch oder hoffnungslos. Vielmehr schonungslos, sehr menschlich und mit einer Spur Optimismus, der nicht illusorisch ist, sondern unserer Natur angepasst, wie mir scheint. Und das möchte ich festhalten.

Ich weiß nicht, ob ich jemals wieder auf die Art lieben kann, dass ich mir eine gemeinsame Zukunft erträume, ich denke eher nicht.

Delphine

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