Mein Problem mit dem Kreationismus

Nein, dies wird kein Pamphlet gegen den Glauben oder die Kirche; auch keine Verteidigungsrede für Darwin und ich werde mich auch nicht über die biblische Schöpfungsgeschichte lustig machen.

Mir geht es auch nicht um die Wahrheit. Wahrheit als Singular ist mir ein zu großes Wort. Dieser Begriff müsste etwas Verbindendes aller wahren Aussagen, aller Wahrheiten ausdrücken und so etwas sehe ich nicht, kenne ich nicht.

Nein, mir geht es hier lediglich um eine sicher unbestrittene Voraussetzung für Wahrheiten (im Plural) gleich welcher Art, nämlich um Ehrlichkeit oder, etwas altmodischer formuliert, um Wahrhaftigkeit.

Vorausschickend möchte ich mich als Agnostiker bezeichnen, mit folgenden Einschränkungen: gegenüber, für meinen Geschmack, allzu eifrigen Religionsvertreter schmücke ich mich auch gerne mal und ohne allzu große Gewissensbisse mit dem Titel Atheist. Besonders, wenn es sich bei diesen um die breite Schar der Scheinheiligen handelt.

Gegenüber streng religiösen Atheisten, die auch mir zu langweilig sind,

„weil sie ständig nur über Gott reden“ (5),

verteidige ich dann auch gerne mal den einen oder anderen Religionsstifter und das Fußvolk der Kirchenleute.

Wenn ich in der Kirche der Nationen (Garten Gethsemane, Jerusalem) stehe und die passenden Ausschnitte aus den Evangelien lese, wenn ich eine Synagoge betrete, eine Moschee besuche oder wenn ich in einem Münster Bach oder Mozart höre, kann ich gelegentlich – denke ich – nachvollziehen, was eigentlich mit Religion gemeint ist und fühle so etwas wie Erhabenheit. Solange niemand predigt.

Gegenüber gläubigen Menschen vertrete ich gerne den pragmatischen Standpunkt, dass es weniger darauf ankommt, ob der Glaube recht hat, sondern darum, dass die damit verbundenen religiösen Gefühle echt sind. Und diese Gefühle nehme ich ernst.

Es ist mir eigentlich ziemlich egal, ob jemand die Naturwissenschaften als Erfahrungsquelle ablehnt und unbedingt an diversen  Schöpfungsgeschichten festhalten möchte. Solange er es aus Überzeugung tut. Ich bin glücklicherweise mit zu wenig missionarischem Eifer ausgestattet, um hier – ohnehin zu keinem Ergebnis führende – Diskussionsarbeit zu leisten.  Die Kinder dieser Gläubigen tun mir zwar gelegentlich leid, aber ich vertraue da immer auf die heilende, antithetische Wirkung ideologisch einseitig ausgerichteter Erziehung.

Es gibt ja auch mehr oder weniger gute philosophische Gründe, die entweder – wie der Neukantianismus – naturwissenschaftliche Erkenntnisse als Methodenprodukt betrachten – oder – wie der philosophische Rationalismus oder Idealismus in Teilen – die Möglichkeit naturwissenschaftlicher Erkenntnisse von vornherein ausschließen. Das sind ehrlich gemeinte und sicher gut begründete Ansichten. Gut begründet zumindest, wenn man die Welt vom Lehnstuhl aus denkt und sich nicht allzu viele Gedanken dabei macht, was man alles projiziert, wenn man einen Lichtschalter betätigt oder konstruiert, wenn man sich mit anderen Gleichgesinnten über den Inhalt eines Buches austauscht.

Wie gesagt, das alles stört mich nicht und es schadet auch kaum, sich mit solchen philosophischen Gedankengängen einmal auseinanderzusetzen. Mich interessieren diese sogar. Und ich komme gut damit klar, wenn andere so denken. Solange diese Meinungen ehrlich begründet oder wahrhaftig gemeint sind und niemandem schaden. Getreu dem Motto: leben und leben lassen.

Aber genau dies vermisse ich beim Kreationismus, um den es mir hier eigentlich geht, nämlich: Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit. Hier wird gelogen, indem behauptet wird, Kreationisten würden mit naturwissenschaftlichen Methoden arbeiten – und betrogen, indem man faselt, es würde sich bei naturwissenschaftlichen Erklärungen „ja nur um Theorien“ handeln. Das Ganze wird dann noch mit einer Reihe von Verschwörungs-theorien gewürzt, auf die ich hier aber gar nicht eingehen möchte, weil sie mir schlichtweg zu dämlich sind.

Was versteht man denn eigentlich unter einer naturwissenschaftlichen Methode?

Es genügt jedenfalls nicht, dass man Laborgeräte benutzt, Chemikalien miteinander mischen kann und weiß, wo bei einem Mikroskop oben und unten ist. Nein, es ist vielmehr der gedankliche Ansatz, der diese Methode ausmacht und so erfolgreich werden ließ.

Zu diesem Thema gibt es eine Fülle an Literatur und ich gebe gerne unter (3) und (4) Lektüretipps. Ich empfehle auch jedem Naturwissenschaftler, sich einmal gründlich mit Wissenschaftstheorie auseinanderzusetzen. Man muss ihr ja nicht unbedingt in allen Teilen folgen.

Aber es geht auch einfacher.

Karl Popper hat sich in seinem philosophischen Leben ausführlich mit dieser Thematik auseinandergesetzt und formuliert das „Kriterium der Falsifizierbarkeit“ als Abgrenzungskriterium zwischen Naturwissenschaft auf der einen und Metaphysik auf der anderen (1).

Das bedeutet lediglich, dass sich naturwissenschaftliche Aussagen, Hypothesen und letztlich Theorien durch die prinzipielle Widerlegbarkeit (Falsifizierbarkeit) von nicht wissenschaftlichen unterscheiden. Eine gute, harte Hypothese zeichnet sich demnach dadurch aus, dass sich eine Beobachtung oder ein Experiment formulieren lässt, mit der sie eindeutig widerlegt werden kann.

Nichts weiter.

Auch ein widerspenstiger Kopf wie Richard Feynman, der sich stets die Einmischung von Philosophen in die Naturwissenschaft verbeten hat (2), akzeptierte dieses Kriterium.

Die Aussage „der Bach fließt lieblich durch das Tal“ ist z. B. keine wissenschaftliche Aussage, da sie eine Meinung wiedergibt, die nicht beweisbar oder widerlegbar ist. Die Aussage „alle Schwäne sind weiß“ ist dagegen eine wissenschaftliche Aussage, da sie durch den Nachweis auch nur eines einzigen schwarzen Schwanes eindeutig widerlegbar ist. Aus widerlegbaren Hypothesen lässt sich so nach und nach ein naturwissenschaftlich begründetes Gebäude errichten.

Thesen, die mit Wundern, Zauberei oder unsichtbaren Agenten operieren, sind nicht widerlegbar. Alles Mögliche kann behauptet und durch Variablentausch „erklärt“ werden. Diesen Thesen sind definitiv keine naturwissenschaftlichen Aussagen.

Eine „Forschung“, deren Ergebnis wie im Falle des Kreationismus im Voraus feststeht, ist keine Wissenschaft und, mit Verlaub, bedarf auch keiner. Es kann daher nur einen Grund für die Behauptung geben, Kreationismus arbeite mit wissenschaftlichen Methoden und das ist der, leichtgläubige oder uninformierte Menschen hinters Licht zu führen. Aus Machtgründen. Um Schäfchen einzufangen, die es gerne wissenschaftlich haben.

Hierher passt auch die ständig wiederholte Aussage, bei der Evolutionstheorie handele es sich ja „bloß um eine Theorie“. Es wird suggeriert, eine wissenschaftliche Theorie würde sich von dem, was man umgangssprachlich als Theorie bezeichnet, nicht unterscheiden. Die Leute, die das behaupten, wissen dabei sehr gut, dass eine Theorie in der Umgangssprache oft nicht einmal den Gewissheitsgrad einer wissenschaftlichen Arbeitshypothese besitzt.

Und das ist es, was mich am Kreationismus wirklich stört: die Verlogenheit und der Betrug mit gleichzeitiger Berufung auf einen Religionsstifter, der sich einst vor Allem der Wahrhaftigkeit und den Menschen verpflichtet fühlte.

Ach ja, übrigens: wer im Zusammenhang mit Evolution von „Intelligent Design“ redet, der möge sich doch  einmal mit sekundären Geschlechtsmerkmalen in der (männlichen) Tierwelt beschäftigen und ich versichere, er wird bald feststellen, dass er mit der Verwendung dieses Begriffs eigentlich Gotteslästerung begeht.

_____________

(1)    Popper, Karl „Die beiden Grundprobleme der Erkenntnistheorie“, Mohr Siebeck, 3. Auflage 2010

(2)    Feynman, Richard P., amerikanischer Physiker (1918 bis 1988) und Nobelpreisträger. Seine Meinungen zur Philosophie sind versprengt in seinen „Lectures“ und Briefen zu finden.

(3)    Seiffert, Helmut „Einführung in die Wissenschaftstheorie“ Band 1 bis 4, Verlag C. H. Beck, 12. Aufl. 1996 (immer noch empfehlenswert)

(4)    Kamlah, W. und Lorenzen, Paul „Logische Propädeutik“, Verlag J. B. Metzler, 3. Aufl. 1996

(5)    Böll, Heinrich „Ansichten eines Clowns“

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Über Klaus Lorch

Ich bin Biologe mit Interesse an Botanik, Mykologie, Ökologie, Evolution, Meeres- und Molekularbiologie. Fan von Klassischer Musik, Philosophie und Literatur.
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2 Antworten zu Mein Problem mit dem Kreationismus

  1. Wolfgang Völker schreibt:

    Eines der Hauptprobleme der Kreationisten: ihren Gegenpart in der arabischen Welt nennt man Islamisten. Es sind gut getarnte christliche Extremisten.
    Es gibt aber eine Vielzahl an Lehren, außer dem Kreationismus, welche für sich den Anspruch der Wissenschaftlichkeit reklamieren. Exemplarisch genannt seien hier die sogenannten Wirtschaftswissenschaften. Tatsächlich fußen sie doch auf Lehren, wie der Betriebswirtschaftslehre, der Volkswirtschaftslehre usw.
    Es gibt also sehr viele Beispiele, wie sich nur mühsam getarnter Religionsfundamentalismus, oder durch überbordende Anglizismen von den eigentlich zugrunde legenden vier Grundrechenarten, plus Prozentrechnung ablenkender Marktfundamentalismus zur dominatnen Wissenschaft erheben will.
    Über all das könnte man leicht hinweg sehen, wenn nicht allen der Anspruch der allein selig machenden Wahrheit zu eigen wäre.
    Generell aber gilt: glauben heißt nicht wissen, und eine Lehre und eine Wissenschaft sind zwei Paar Schuhe.

  2. sinneswandlerin schreibt:

    Mir gefällt besonders dieser Teil deines Artikels:

    „Hierher passt auch die ständig wiederholte Aussage, bei der Evolutionstheorie handele es sich ja „bloß um eine Theorie“. Es wird suggeriert, eine wissenschaftliche Theorie würde sich von dem, was man umgangssprachlich als Theorie bezeichnet, nicht unterscheiden. Die Leute, die das behaupten, wissen dabei sehr gut, dass eine Theorie in der Umgangssprache oft nicht einmal den Gewissheitsgrad einer wissenschaftlichen Arbeitshypothese besitzt.

    Und das ist es, was mich am Kreationismus wirklich stört: die Verlogenheit und der Betrug mit gleichzeitiger Berufung auf einen Religionsstifter, der sich einst vor Allem der Wahrhaftigkeit und den Menschen verpflichtet fühlte.“

    Dem kann ich nur voll und ganz zustimmen.
    Zu deiner Frage: Ich sehe es nicht als meine Aufgabe andere zu überzeugen, deshalb versuche ich es nicht, auch wenn mich vermeintliche Argumente stören. Wie du schon sagtest: Leben und Leben lassen.
    In der Erziehung meines Kindes halte ich es stets an, Dinge kritisch zu hinterfragen und versuche ihm ein aufgeklärtes Weltbild zu vermitteln. Entscheiden soll es dann selbst, und gerade weil ihm

    „Das bedeutet lediglich, dass sich naturwissenschaftliche Aussagen, Hypothesen und letztlich Theorien durch die prinzipielle Widerlegbarkeit (Falsifizierbarkeit) von nicht wissenschaftlichen unterscheiden. Eine gute, harte Hypothese zeichnet sich demnach dadurch aus, dass sich eine Beobachtung oder ein Experiment formulieren lässt, mit der sie eindeutig widerlegt werden kann.“

    bekannt ist, mache ich mir da eher wenige Sorgen. 🙂

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