Verlassene Lichtung

Blick ins Vistastal, Schwedisch-Lappland, von der Hütte aus gesehen.

In den 90ern war ich zusammen mit anderen Biologiestudenten Mitte/Ende August öfter einmal für etwa 14 Tage in Schwedisch-Lappland unterwegs. In unseren Rucksäcken hatten wir alles dabei, was wir benötigten; auch sämtliche Nahrungsmittel, da die Hütten dort nicht bewirtschaftet sind. Das war immer eine sehr schöne Zeit, über die es sehr viel zu erzählen gäbe.

Ich möchte mich heute nur an ein Erlebnis erinnern, dass ich mir jedes Mal im Vistastal (etwa zur Mitte der gesamten Tour) gegönnt habe. Nachts unternahm ich dort immer einen einsamen Spaziergang durch eine Moorlandschaft, eine Lichtung im Birkenwald. Das Besondere war, dass es in dieser Gegend weder Licht- noch Lärm-Smog gab. Keinerlei Zivilisationsgeräusche, nur das Rascheln von Blättern oder Tieren der Nacht, das Rauschen des Flusses … in manchen Jahren Sternenhimmel, gelegentlich zog ein grüner Streifen des Polarlichts über den Himmel, in anderen Jahren bewölkt … jedoch kein Kunstlicht weit und breit … bis auf den gelben Schein der Gaslampe, der durch das Hüttenfenster hinter mir schien.

Es war ein seltsames Gefühl: erst wenn ich dieses kleine Licht, dieses Versprechen der Geborgenheit, aus den Augen verlor, war ich wirklich allein. Ich spürte, wie meine Sinne wachsamer wurden, eine leichte Anspannung, wie ich meine Schritte leiser und vorsichtiger setzte. Gelegentlich blieb ich stehen und lies diese paradoxe Stimmung, eine Mischung aus Verlorenheit und doch auch Geborgenheit (ich liebe diese Landschaft) auf mich wirken.

Wenn dann auf dem Weg zurück das Licht in der Ferne wieder auftauchte, war ich eigentlich schon zurück, obwohl ich noch gut eine halbe Stunde zu gehen hatte. Die Erregtheit fiel urplötzlich ab, ich war wieder „unter Menschen“.

Ich muss, wenn ich dieses Erlebnis schildere, an meine beiden Jungs denken. Einmal in ihrer Schulzeit unternahmen sie eine Nachtwanderung, zusammen mit ihren Schulkameraden. An einer bestimmten Stelle trennten sich alle voneinander und mussten ein Stück weit des Wegs alleine gehen. Sie bekamen aber eine Kerze in die Hand, so waren sie vom Licht geborgen.

(für Harvey)

Blick über die Sumpf- und Moorlandschaft des Vistastals. Übergang Birkenwaldzone/Strauch und Tundrenzone

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Über Klaus Lorch

Ich bin Biologe mit Interesse an Botanik, Mykologie, Ökologie, Evolution, Meeres- und Molekularbiologie. Fan von Klassischer Musik, Philosophie und Literatur.
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11 Antworten zu Verlassene Lichtung

  1. poetin schreibt:

    danke. harvey und ich sind tief gerührt und berührt. ohne kunstlicht wird deutlicher, dass wir menschen auch bloß und wundervoller weise eins der raschelwesen in der nacht sind. wir sehen dich dort am fluss rauschen. erzähle bitte mehr geschichten, wir hören gern zu.

    • Klaus Lorch schreibt:

      Es freut mich sehr, dass euch die Geschichte gefallen hat. Kommt es doch von einem Hasen und einer Menschin, die ich sehr schätze und selbst so gerne lese.

  2. anscheinend schreibt:

    „Es war ein seltsames Gefühl: erst wenn ich dieses kleine Licht, dieses Versprechen der Geborgenheit, aus den Augen verlor, war ich wirklich allein.“

    Ein wundermenschvoller Satz. Dieses Schweden ist mir immer schon ein Schweben. Ich erinnere mich an ähnlich äußere Reisen und höre das Knacken jener weichen Blattadern.

    Deine Wegesworte und dieses ‚raschelwesen‘ der poetin geleiten mich nun in friedvolle Träume, hab(t) Dank.

    • Klaus Lorch schreibt:

      Danke für die lieben Worte. „Dieses Schweden ist mir immer schon ein Schweben“ … Schweben war einer meiner erste Eindrücke, als ich mit etwa 14 Jahren zum ersten Mal in diesem Land war und über Fichtennadeldecken an einem See mit Fischadlern entlang spazierte.

  3. Rachel schreibt:

    …wundervoll geschrieben, es zieht einen mit 🙂

    LG, Rachel

  4. kriminalistin schreibt:

    Es ist weniger poetisch, wenn ich nachhause komme, aber das Gefühl ist ähnlich: Sehe ich in der Ferne den Fernsehturm, bin ich so gut wie zurück in Berlin.

  5. Stehauffrau schreibt:

    Du kitzelst mein schlummerndes Fernweh wach. Ein ziehender, wunderbarer Schmerz.

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