Bar Mitzwa an der Klagemauer

In der Nähe der Klagemauer, der westlichen Mauer des ehemaligen zweiten Tempels von Jerusalem, befindet sich der gut gesicherte und bewachte, mit Holzbrettern bekleidete Aufgang zum Tempelberg, der Anhöhe mit seinen wunderschönen Moscheen. Unten am Aufgang steht ein Schild mit dem Hinweis, dass es laut Beschluss eines Rabbiners für Juden aus religiösen Gründen untersagt sei, den Berg zu betreten. Eine Frau, die die Warteschlage auf und ab geht, warnt ebenfalls vor diesem drohenden Seelenunheil. Wenn man auf alle Ratschläge derer hört, die mit Abrahams Gott auf Du und Du stehen – so mein Gedanke – wird wohl keiner je ins Himmelreich eintreten.

Laute, fröhliche Musik und tanzende Grüppchen, die sich auf den Eingang zur Klagemauer zubewegen, lenken mich ab und machen mich neugierig. Ich verschiebe meinen Besuch des Tempelbergs, verlasse die Warteschlange und folge ihnen.

Ein Junge trägt die Thora.

Es muss sich wohl um eine jüdische Feier handeln, da einige Orthodoxe in ihrer unverkennbaren Kluft unter ihnen sind. Direkt vor der Mauer sind Tische aufgebaut, aus hölzernen Schreinen werden Thora-Rollen entnommen und Kinder scheinen eine Hauptrolle zu spielen. Hinter dem Gitter, das die Frauen von den Männern trennt, stehe ich und schaue dem Treiben eine Weile zu.

Eine alte Frau, Israelin, in Schwarz gekleidet, steht neben mir. Alt genug für persönliche Erfahrungen mit der Shoa, denke ich unwillkürlich. Sie fragt mich, woher ich komme, scheint sich zu freuen, dass ich Deutscher bin und erklärt mir lebhaft das Fest. Auf Englisch. Es handelt sich um Bar Mitzwa, bei dem die religiöse Mündigkeit der 13-jährigen Jugendlichen gefeiert wird. Sie erklärt mir, was so alles dazugehört. Die Hörner, in die der eine oder andere mit Inbrunst bläst sind z. B. nicht zwingend.

(Erzähle weiter, liebe unbekannte alte Frau, es macht mich sehr glücklich.)

Tanzende Familienmitglieder

Ein schönes Gefühl. Ich darf als Deutscher ein jüdisches Fest in Jerusalem miterleben und werde nicht ausgegrenzt. Im Gegenteil. Als wäre es selbstverständlich…

Als Mann muss ich nicht hinter der Absperrung bleiben. Meine Kippa, die man zu solchen Anlässen und an solchen Orten aus Respekt tragen muss (was ich auch gerne mache), habe ich dabei und mische mich ein wenig unter das Treiben, ermuntert von der unbekannten Frau. Jemand fragt mich, ob ich Jude sei, er wollte mir Tefillin, das sind lederne Gebetsriemen, um die Arme wickeln.

Ich verneine und schaue zu, wie er anderen Gläubigen die Riemen um die Arme schnürt. Dabei geht er nicht gerade zimperlich zu.

.

Ich weiß nicht genau, woran es liegt. Aber ich werde gerne mit einem Juden verwechselt. Am Glauben selbst kann es nicht liegen, der ist – wie andere Glaubensrichtungen – für mich nur von rein folkloristischem Interesse. Einige Bräuche, Utensilien gefallen mir, ja. Die Thora-Rolle z. B. Am europäischen Judentum um 1900 und seinen mir so beliebten Vertreter liegt es sicher auch, denen ich auf meinen literarischen, künstlerischen oder musikalischen Reisen so oft und gerne begegne. Berlin und Wien um diese Jahrhundertwende hätte ich gerne einmal erlebt. Die Sprache gefällt mir, das Jiddische etwas mehr als das Hebräische.

Sympathie mit dem Verlierer spielt ganz sicher eine weitere wichtige Rolle, dem Schwachen, auf dem immer wieder rumgetrampelt wurde. Nicht nur in der jüngeren deutschen Geschichte eine Geschichte der ständigen, ungerechtfertigten Beschuldigungen, der Ausgrenzung und der Pogrome. Heute sprechen einige Politiker von einer jüdisch-christlicher Tradition in einem – wie ich es empfinde – geschichtsverbrämendem Sinne. Wir müssen vermutlich unterschiedliche Geschichtsbücher gelesen haben.

Mir sind sie jedenfalls sympathisch, diese „Verlierer“, die immer wieder aufgestanden sind.

Ich denke auch oft an Egon Friedell. Stellvertretend.

An den, der wegen dieser Rotte brauner Halbaffen aus dem Fenster gesprungen ist, wegen dieser „verkommenen Hausknechte“, die auch heute noch ihr dumpfes Unwesen treiben…


Hoffnungen

Nach einer Weile verlasse ich den Platz und mache mich wieder auf den Weg zum Tempelberg. Der Nahe Osten hat es mir seit Jahren angetan. Ich liebe auch die arabische, die palästinensische Kultur, ebenso wie die jüdische. Ein Reise, von der Türkei aus über die gesamte Levante bis nach Ägypten, über alle Grenzen hinweg, ist ein Traum von mir.

Ich hoffe auf ein Ende der Betonköpfe.

Anti.

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Über Klaus Lorch

Ich bin Biologe mit Interesse an Botanik, Mykologie, Ökologie, Evolution, Meeres- und Molekularbiologie. Fan von Klassischer Musik, Philosophie und Literatur.
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6 Antworten zu Bar Mitzwa an der Klagemauer

  1. poetin schreibt:

    toda raba, fejgele.

  2. Ulrich Erhard schreibt:

    „Ich hoffe auf ein Ende der Betonköpfe.“ Ich hoffe mit und reise dann auch mit…

  3. A. Venenbaum schreibt:

    Ich bin erst jetzt auf diesen Artikel gestossen. Ich wusste gar nicht, dass du dort warst. Wunderschön und berührend.. Danke, dass du dieses Erlebnis teilst.

    • Klaus Lorch schreibt:

      Dankesehr für Deinen Kommentar. Ich war jetzt schon zweimal in Israel und Palästina, allerdings nur im Südteil, also Juda. An den berühmten Stätten komme ich mir immer ein wenig wie der Zuschauer im Zoo vor. Das Unangenehme an diesen Situationen verschwindet jedoch, wenn man so freundlich aufgenommen wird. Ich habe vor, noch ein paar Einträge zu diesem Landstrich zu schreiben.

      • A. Venenbaum schreibt:

        Da bin ich gespannt, ich würde mich freuen, wenn wieder ein paar Fotos dabei sind. Dieses Gefühl, wie in einem Zoo; kenne ich auch, ein wenig verloren kommt man sich vor in den Menschenmassen. Aber das geht mir nicht nur dort so. LG

      • Klaus Lorch schreibt:

        Fotos werden auf jeden Fall dabei sein. Das Zoogefühl habe ich meistens dann, wenn die Menschen etwas Intimes tun, also beten oder sich miteinander unterhalten, feiern. Das zu beobachten finde ich einerseits faszinierend aber andererseits fühle ich mich eben auch als Störenfried.
        Danke für Dein Interesse und Liebe Grüße

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