Dunkelheit

Nach dem TauchgangZuerst veröffentlicht unter http://nichtschonwiedereinblog.wordpress.com/

Stichwort „Dunkelheit“

Dunkelheit… damit verbinde ich viele Erinnerungen und mir fallen gerade beim Nachdenken darüber deutlich mehr schöne und ergreifende als unangenehme ein. Erinnerungen an Nächte in Schottland und Lappland (darüber habe ich bereits hier geschrieben https://klauslorch.wordpress.com/2011/04/22/verlassene-lichtung/ ), an etliche, ungezählte Nachttauchgänge in heimischen Gewässern, an zahlreiche Schnorcheltauchgänge in der Abenddämmerung an den Riffabhängen des Roten Meers bei al-Quseir mit meiner ehemaligen, lieben Partnerin R., wenn in der dunklen Tiefe nur noch ab und zu Fischleiber oder die großen, starren Augen der Soldaten- und Husarenfische silbern aufblitzen, wenn Adrenalin mit im Spiel ist, beim Schweben über der schwarzen oder dunkelblauen Tiefe, zeitlos. Dunkelheit schärft Gefühle und Empfindungen, weckt Lebensgeister, macht Einsamkeit und Verbundenheit deutlicher, Dunkelheit ist ehrlich, Licht blendet mitunter – nicht Kerzenlicht oder Feuer, Kunstlicht schon.

Eines meiner schönsten Erlebnisse mit Dunkelheit hatte ich in Australien, es war bei einem Nachttauchgang auf dem Great Barrier Reef. Es ist schon einige Jahre her, aber ich denke immer noch sehr gerne und oft daran zurück. Vier Wochen war mein Freund G., mit dem ich zuvor schon einige Male Teile Schwedisch-Lapplands durchwandert hatte, mit mir in Australien inklusive Tasmanien unterwegs, meistens im Zelt und viel zu Fuß, ohnehin eine unvergessliche Zeit. Tauchen war ursprünglich nicht eingeplant, aber ein Zyklon hatte unseren Flug in den Kakadu Nationalpark verhindert. So sind wir ein paar Tage mit einem kleineren Taucherboot an eins der Außenriffe gefahren, mein Freund schnorchelte, ich tauchte.

AbendstimmungDen Guide konnte ich bei einem gemeinsamen Checktauchgang schnell überzeugen, dass ich gut ohne ihn tauchen konnte. Ich nahm eine Tauchanfängerin mit, J., eine junge, schöne und sehr sympathische Amerikanerin. Sie war die geborene Taucherin und wir verstanden uns unter Wasser blind. Wir hatten einiges Glück bei unseren Tauchgängen und so konnte ich ihr viele Highlights der dortigen Unterwasserwelt zeigen. Sie traute sich dann auch, einen Nachttauchgang mit mir zu unternehmen, es war ihr erster, sie war entsprechend aufgeregt und verständlicherweise auch ein wenig ängstlich, ich sah es an ihren flehend freudigen Augen an Bord, unvergessliche Blicke. Ich hielt deswegen auch während des Tauchgangs fast die ganze Zeit ihre Hand, meiner Erfahrung nach die beste Strategie, um Angst bei einem Nachttauchgang vorzubeugen. Handschuhe trugen wir nicht. Nach einer Weile der Gewöhnung und Beobachtung führte ich sie um einen Korallenblock herum, so dass wir die Lichter des Schiffes nicht mehr sehen konnten. Ich wollte ihr nämlich noch als besonders romantisches Ereignis das Meeresleuchten zeigen. Wir knieten im Sand einander gegenüber, Hand in Hand und ich beobachtete ihre Augen und Bewegungen. Am Rand des Lichtscheins unserer Lampen tauchten immer wieder Fische auf, einmal auch ganz gelassen die Schwanzflosse eines mittelgroßen Riffhais, es war einfach großartig.

Als ich sah, dass sie ganz ruhig war, steckten wir unsere Lampen in den Sand und es wurde stockdunkel. Meine freie Hand bewegte ich hin und her, um das Meeresleuchten zu erzeugen, erst sachte, dann immer heftiger, aber Noctiluca und Konsorten wollten uns den Gefallen in dieser Nacht nicht tun, es blieb dunkel.

Dennoch war es ein unbeschreiblich schönes Gefühl, alleine mit J. weit draußen im Korallenmeer des Pazifiks, in völliger Dunkelheit, zu knien, die leisen Geräusche des Riffs zu hören, miteinander verbunden nur durch unsere Atemgeräusche und unsere Hände und nur dadurch nicht wirklich allein.

Beim Zurücktauchen verfranzte ich mich ein wenig und wählte daher den geraden Weg zurück über das Riffdach, das Wasser war tief genug dafür. Dabei konnten wir zum Abschluss noch das faszinierende, irisierende Farbenspiel zweier Kalmare im Liebesspiel sehen, einer der schönsten Anblicke, die sich einem beim Nachttauchen bieten können, wie ich finde. Nach einer schönen Nacht mit wenig Schlaf an Deck des Bootes – ich hatte am Tag nach dem Nachttauchgang Geburtstag – und zwei weiteren, wieder ereignisreichen Tagtauchgängen am folgenden Tag ging es für mich zurück nach Cairns, ich wechselte auf ein anders Boot, das uns, G. und mich, über zwei Stationen an Land brachte, J. blieb noch an Bord.

Bevor mein Boot kam, standen wir noch lange nebeneinander an der Reling und schauten aufs offene Meer, wechselten wenige Worte, schwiegen viel, tauschten keine Adressen aus.

Wir verloren uns an diesem Tag aus den Augen… aber nicht aus dem Sinn, zumindest soweit es mich betrifft.

J.

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Über Klaus Lorch

Ich bin Biologe mit Interesse an Botanik, Mykologie, Ökologie, Evolution, Meeres- und Molekularbiologie. Fan von Klassischer Musik, Philosophie und Literatur.
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8 Antworten zu Dunkelheit

  1. Christian Deysson schreibt:

    Lieber Klaus. Vielen Dank fr den brillanten Blog ber „Dunkelheit“! Was fr tiefe Gedanken ber den Zauber des Tauchens – auch und gerade fr einen wie mich, der sich noch nie tiefer als zwei Meter unter der Wasseroberflche bewegt hat. Die Lektre erinnerte mich auch daran, dass wir dieses Jahr hoffentlich einmal zusammen ber die Alb stiefeln. Im Moment ist fr mich leider nichts mit Outdoors… Ich liege im Bett und huste mir die Bronchien aus dem Leib. Aber das wird ja auch wieder besser, und das Frhjahr ist in Sicht. Fr heute mit herzlichen Gren, Christian

    • Klaus Lorch schreibt:

      Lieber Christian,
      herzlichen Dank für Deine wohlgesonnenen Worte. Ich habe unsere Wanderung natürlich nicht vergessen und freue mich schon sehr darauf. Gute Besserung und liebe Grüße von der Alb,
      Klaus

  2. wortsuche schreibt:

    Geschichten, die das Leben schrieb. Danke fürs teilen dieser Erfahrung, die buchstäblich Tiefe hat.

  3. Madeleine Burri schreibt:

    Klaus, der Romantiker- Klaus, der einfach toll beschreiben kann.
    Herzlichen Dank!
    Madeleine

  4. ulbarb schreibt:

    Hallo! Jetzt verstehe ich unter anderem auch, woher immer wieder der Bezug zu Wasser/Meer/Wellen in Deinen frapalymogedichten stammt. lg

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