Grönland 2015 – I. Die Tour

Am Limnaeso

Am Limnaeso, Arctic Circle Trail

Seit etlichen Jahren wollte ich wieder einmal auf eine längere Trekkingtour nach Skandinavien gehen, jeden Spätsommer bekam ich Heimweh, eine Gelegenheit ergab sich aber leider nie. 2014 endlich habe ich mich entschieden, den Wunsch umzusetzen, bevor mich noch irgendwelche Knie- oder Rückenprobleme endgültige an solchen Trecks hindern sollten. Solche Fälle kennt ja vermutlich jeder aus seinem Umfeld. Zufällig bin ich 2014 über meine Twitter-Timeline auf den Arctic Circle Trail (ACT) in Grönland gestoßen und habe mir den spontan für 2015 vorgenommen.

An Nord-Skandinavien und anderen arktischen Gebieten reizen mich seit

Arktisches Weidenröschen (Epilobium latifolium) am Amitsorsuaq

Arktisches Weidenröschen (Chamerion latifolium) am Amitsorsuaq

meiner ersten Begegnung die großräumigen, noch halbwegs naturnahen Landschaften, das Licht, die Weite und die Stille. Botanisch gibt Skandinavien zwar nicht mehr her als unsere (Silikat)alpen, zumindest wenn man nur die Artenzusammensetzung betrachtet, aber man hat die Gelegenheit, zahlreiche Pflanzen- und Flechtengesellschaften in noch einigermaßen unberührtem Zustand und größerem Zusammenhang zu studieren. Ich liebe die Kargheit und Fragilität der Lebensgemeinschaften, die Frostböden, die flechtenreichen Zwergstrauchheiden. Ich liebe den Aufenthalt in einer Natur ohne Lichtsmog oder Zivilisationslärm und die Herausforderung, nur mit dem zu leben, was ich selbst mit mir herumtrage oder in der Natur vorfinde.

Ein gutes Dreivierteljahr habe ich mir Zeit für die Vorbereitung genommen, hart trainiert, 20 kg abgenommen und akribisch geplant. Es hat sich gelohnt.

Landzunge am Amitsorsuaq

Landzunge am Amitsorsuaq

Ich habe die Tour alleine gemacht, um die Stille besser genießen zu können und um mein eigener Herr sein zu können. Als Botaniker kann man die Geduld der Mitwandernden schon sehr strapazieren, da geht man doch besser solo. Die Tour habe ich in vierzehn Etappen aufgeteilt, zu schaffen ist sie in wesentlich weniger Zeit. Der sportliche Aspekt war für mich aber nachrangig, ich wollte mir in allererster Linie Zeit lassen. Der Nachteil für diesen Luxus (Alleingang und Zeit – und natürlich jede Menge Tee -) war das recht umfangreicher Gepäck. Mit Brennstoff und Kameras kam ich auf über 30 kg Rucksackgewicht. Das Gewicht war jedoch zu keiner Zeit ein Problem.

Mitternachtssonne

Spät abends, die Sonne möchte nicht untergehen und bewegt sich entlang des Horizonts.

Der Weg verläuft in Westgrönland etwa 100 km nördlich des Polarkreises zwischen Inlandeis und Küste und verbindet die Städte Kangerlussuaq, eine Flughafenstadt mit Wohncontainercharme, doch großartiger Umgebung, und Sisimiut, das ist die zweitgrößte Stadt Grönlands. Der Trail ist etwa 170 km lang mit ca. 3.500 m Höhenunterschied (auf und ab) und führt durch eine abwechslungsreiche Landschaft mit Seen, Flüssen, wundervollen Hochebenen und Fjorden. Zwischendurch besteht mit etwas Glück die Möglichkeit, einen Teil des Wegs mit dem Kanu zurückzulegen. Der Trail kann nicht

Tal zwischen den Seen Amitsorsuaq und Kangerluatsiarsuaq

Tal zwischen den Seen Amitsorsuaq und Kangerluatsiarsuaq

abgekürzt werden (es sei denn, man lässt sich in einem der Fjorde absetzen oder abholen), darin liegt eine der Herausforderung. Die Schwierigkeit der Tour hängt ganz entscheidend vom Wetter und davon ab, wie trocken oder nass das Jahr war. Ich hatte da bis auf wenige (und dann umso heftigere) Ausnahmen Glück. Bei der Orientierung hatte ich keinerlei Probleme, die Karten genügten mir in dem übersichtlichen Gelände völlig. GPS-Gerät und ein brauchbarer (!) Kompass waren natürlich trotzdem dabei. Bei Nebel stelle ich mir zwei Abschnitte auf den Hochflächen problematisch vor. Die Hütten sind reine Selbstversorgerhütten und bis auf eine recht klein. Getestet habe ich keine, ich habe es immer vorgezogen, im Zelt zu schlafen und das meistens abseits der Hütten.

Kangerluatsiarsuaq

Kangerluatsiarsuaq

2015 sei ein Rekordjahr gewesen, nie zuvor waren wohl mehr Wanderer auf dem ACT unterwegs, erfuhr ich im Vandrehjem in Sisimiut. Tatsächlich gab es nur zwei Tage, an denen ich niemandem begegnet bin und drei, an denen ich Leute nur aus der Ferne sah. Es muss aber nicht heißen, dass man alleine ist, wenn man das meint. In der letzten Nacht im stürmischen Fjäll, an dem ich mir wegen des Wetters recht sicher war, allein zu sein, muss Reeve, ein sehr sympathischer Neuseeländer, in meiner Nähe übernachtet haben. Wir haben uns aber erst am nächsten Tag beim Abstieg getroffen. Abgesehen von diesen fünf ruhigeren Tagen gab es täglich Begegnungen, meist mit herzlichen Gesprächen. Einigen der Mitwanderer bin ich nach Ende der Tour in Sisimiut noch einmal begegnet.

Es gibt manche Unterschiede zwischen dem Arctic Circle Trail und dem Teil

Sandstrand am Kangerluatsiarsuaq

Sandstrand am Kangerluatsiarsuaq

Skandinaviens, in dem ich sonst schon unterwegs war, also Schwedisch Lappland zwischen Abisko, Vistas, Sälka und Unna. Es fehlen in Grönland die Birkenwälder. Täler wie das Vistastal habe ich schon vermisst. Dafür gibt es in Grönland reichlich Sanddünen und –strände, die sehr eindrucksvoll sind. Der Sand dafür wird über die Eiskappe eingetragen. Die Seen sind fischreicher, es gibt wesentlich mehr Wasservögel, deren Rufe und Gesänge mir abends viel Freude bereitet haben, hier insbesondere die Taucher und Gänse. Die wilden Rentiere Grönlands sind wesentlich größer als die domestizierten Lapplands, es gibt Moschusochsen (ich habe allerdings das Kunststück fertiggebracht, keinen einzigen lebenden zu sehen, als Entschädigung dafür aber einen Polarfuchs) und Schneehasen, Eisbären kommen in der Gegend nicht vor. Eisberge gibt es in der Region um den ACT ebenfalls nicht. Der von Süden kommende Westgrönlandstrom, der sich aus dem warmen Irmingerstrom, einem Ausläufer des Golfstroms, und dem kühlen Ostgrönlandstrom besteht, hält die Küste bis zur Diskobucht das ganze Jahr über eisfrei. Erst nördlich davon, in der Baffinbucht, kommt der Einfluss des kalten Labradorstroms zur Geltung.

Hochebene mit Blick auf die Seen Kangerluatsiarsuaq (rechts) und Tasersuaq (links)

Hochebene mit Blick auf die Seen Kangerluatsiarsuaq (rechts) und Tasersuaq (links)

Soweit der Überblick über meine erste Grönlandwanderung und ein paar Fotos dazu. Ich werde in diesem Blog immer mal wieder einige Aspekte dieser Tour aufgreifen und näher darauf eingehen. Es schwirrt eine ganze Menge in meinem Kopf herum. Vieles hat mich auf dem Weg beschäftigt, vieles beschäftigt mich immer noch, einiges ist mir klar geworden, es gibt ein dickes Tagebuch und tausend Fotos.

Es gab auch einige Tiefpunkte, die gibt es eigentlich immer auf solchen Wanderungen, aber insgesamt war die Tour einfach klasse, ich habe sie sehr genossen, mich in Grönland verliebt und werde der Insel noch eine Weile treu bleiben. Für 2016 steht deswegen eine zweiwöchige, wohl weitgehend weglose Wanderung auf Qeqertarsuaq (Disko-Insel) an und was dafür schon gebucht werden konnte, ist es bereits.

Anflug auf Kangerlussuaq

Anflug auf Kangerlussuaq

.

Russel-Gletscher bei Kangerlussuaq

Russel-Gletscher bei Kangerlussuaq

.

Angekommen.

Angekommen

.

Arktisches Weidenröschen

Arktisches Weidenröschen

.

Am Kangerluatsiarsuaq

Am Kangerluatsiarsuaq

.

Tannenwedel-Gesellschaft am Kangerluatsiarsuaq

Tannenwedel-Gesellschaft am Kangerluatsiarsuaq

.

Ikkatooq-Hütte

Ikkatooq-Hütte

.

Ole's Lakseelv Tal

Ole’s Lakseelv Tal

.

Flussdurchquerung (Ole's Lakseelv)

Flussdurchquerung (Ole’s Lakseelv)

.

Maligiaq-Fjord

Maligiaq-Fjord

.

Blick zurück auf das Flusstal (Ole's Lakseelv)

Über dem Flusstal (Ole’s Lakseelv)

.

Hochebene zwischen Eqalugaarniarfik und Innajuattoq

Hochebene zwischen Eqalugaarniarfik und Innajuattoq

.

Hochebene zwischen Eqalugaarniarfik und Innajuattoq mit Blick auf den schneebedeckten Igannaq

Hochebene zwischen Eqalugaarniarfik und Innajuattoq mit Blick auf den schneebedeckten Igannaq (rechts)

.

Rentier in der Nähe von Innajuattoq

Rentier in der Nähe von Innajuattoq

.

Kangerluarsuk Tulleq Fjord

Kangerluarsuk Tulleq Fjord

.

Zeltplatz im Fjäll vor Sisimiut

Zeltplatz im Fjäll vor Sisimiut

.

Blick ins Tal vor Sisimiut mit dem Nasaaq-Massiv

Über dem Tal vor Sisimiut mit dem Nasaaq-Massiv im Hintergrund

.

Tal vor Sisimiut mit dem Nasaaq-Massiv

Tal vor Sisimiut mit dem Nasaasaaq-Massiv

.

Die Blaue Kirche in Sisimiut

Die Blaue Kirche in Sisimiut

.

Literatur:

„Grönland: Arctic Circle Trail“, M. Woick, O. Schröder und D. Kuhnert, Conrad Stein Verlag, 2. Auflage 2014

Wanderkarten Westgrönland, 1:100.000: „Kangerlussuaq“, „Pingu“ und „Sisimiut“

„A Nature and Wildlife Guide to Greenland“, Benny Génsbol, Gyldendal Publishers, 2004

„Grönland. Ein kleiner Pflanzenführer.“ E. Lindner, H. Held, L. Martins, Arktis Kleinverlag, 2011

„Kälte, Wind und Freiheit“, Robert Peroni, Malik, 3. Auflage 2015

 

 

Advertisements

Über Klaus Lorch

Ich bin Biologe mit Interesse an Botanik, Mykologie, Ökologie, Evolution, Meeres- und Molekularbiologie. Fan von Klassischer Musik, Philosophie und Literatur.
Dieser Beitrag wurde unter Grönland 2015, Wanderungen abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

16 Antworten zu Grönland 2015 – I. Die Tour

  1. Su | ApropoSmedia schreibt:

    Lange darauf gewartet – und dann doch überrascht. Gelungen, lieber Klaus.
    (Und war das nciht diesmal auch schon eher „weglos“ ? )

    • Klaus Lorch schreibt:

      Danke, liebe Su.

      (Nein, abgesehen von den Sümpfen und Nasswiesen ist der Weg meistens gut zu erkennen. Einmal niedergetreten, dauert es in arktischen Gebieten ewig, bis sich die Pflanzendecke wieder erholt, wenn sie es überhaupt noch schafft.)

  2. Lieber Klaus, das sind wirklich beeindruckende Bilder und eine Beschreibung Deiner Reise, die mich als Leser ganz intensiv mitnimmt zu Deiner „Polarexpedition“. Du kannst zurecht stolz und zufrieden sein, diese Entscheidung getroffen zu haben und wirst sicher noch lange von diesen Erinnerungen zehren!
    Und ich habe jetzt auch furchtbar Lust auf Weite, Einsamkeit, Natur und Ruhe!

    Viele Grüße
    Jochen

  3. Peter Reuter schreibt:

    Lieber Klaus, danke für Bilder und Bericht.
    Gute Grüße vom Peter.

  4. Heike Pohl schreibt:

    Sagenhaft schöne Aufnahmen, die Stille ist fast zu hören. Niemals würde ich mich allein in diese Weite wagen, obwohl ich sehr gerne alleine bin. Dass ich hier mitreisen darf, ist toll.
    Frohe Weihnachten und vielen Dank für diese schönen Eindrücke, die fast schon weihnachtlich sind 🙂

    • Klaus Lorch schreibt:

      Danke für Worte und Deine Weihnachtswünsche, liebe Heike. Ich bin ein wenig spät dran, entschuldige bitte, wünsche Dir aber ein gutes neues Jahr. So alt ist es ja noch nicht. Es war das erste Mal, dass ich so lange alleine unterwegs war (abgesehen von den Dolomiten in den 90ern, das zählt aber nicht, weil man dort ja so gut wie nie alleine ist) und es war mir nie unwohl dabei.

  5. leggiero flautato schreibt:

    Eine Tour des langsamen Reisens durch weite Natur und Weite… Vielen Dank für diese schöne Beschreibung und die wundervoll stimmungsvollen Bilder.

  6. ulbarb schreibt:

    lieber klaus! habe lange auf deinen bericht gewartet und er ist wirklich gut geworden. ich war auch dort oben – jedenfalls solange ich las. habe deinen blog einem verwandten geschickt, der in groenland lebt (ausgewandert). mal sehen, vielleicht lauft ihr euch ja mal ueber den weg! er ist ein suchender und ein schwab‘ 🙂 lg und einen guten rutsch. ulrike

    • Klaus Lorch schreibt:

      Liebe Ulrike, es freut mich sehr, dass Dir der Bericht gefällt. Ich möchte mich an dieser Stelle noch einmal für den guten Tipp bedanken, Robert Peroni zu lesen! Es wäre ja lustig, wenn ich Deinem Verwandten begegnen würde. Ein Suchender und ein Schwab, das müsste ja passen 😉 Du kannst ihm ja ausrichten, dass ich im Spätsommer auf Qeqertarsuaq (der Disko-Insel) bin. Danke für Deine Wünsche, ich bin ja leider etwas spät dran, wünsche Dir aber noch ein wunderschönes Jahr 2016! Klaus

  7. carowiesauer schreibt:

    einfach wunderschön, Dein Reisebericht. vielen Dank dafür! lg caro

  8. Pingback: Grönland 2016: ein Plan und die inneren Feinde | Biophil

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s