Mein Klavier und (k)ein Bedauern.

Nachdem ich mein Abitur in der Tasche hatte, holte ich die Aufnahme- und Einschreibungsunterlagen bei meiner Musikhochschule ab. Ich hatte schon seit früher Jugend den festen Wunsch, Klavier zu studieren, Alternativen kamen in meiner Vorstellungswelt kaum vor, sieht man von einem kurzen Flirt mit der Astronomie einmal ab. Auf der Rückfahrt von der Hochschule, es war in einem längeren Waldstück, entschloss ich jedoch spontan, doch nicht Musik zu studieren. Ich war mir plötzlich ganz sicher. Das schnelle Ende eines lange gehegten Traums.

Der wichtigste Grund für diese Entscheidung? Meine technischen und musikalischen Fähigkeiten würden – realistisch eingeschätzt – nie ausreichen, viele Musikstücke, die mir sehr am Herzen liegen, so zu spielen, wie ich es gerne hören würde. Meine Berufswahl würde mich also sicher nicht glücklich machen. Das wurde mir auf der Rückfahrt klar, glasklar in aller Härte und Deutlichkeit.

 

OfMusikt denke ich daran, was wohl gewesen wäre, wenn ich nach dem Progymnasium in ein musikalisch orientiertes Gymnasium gegangen wäre, wie ich es mir damals gewünscht hatte. Seinerzeit kam das neue Kurssystem auf und ich hätte dort gerne den Leistungskurs Musik gewählt. Die Ausbildung, hieß es, solle dort, an meinem Wunschgymnasium, außerordentlich streng und gut sein. Mein Wunsch wurde aber nicht ernst genommen und so ging ich auf ein naturwissenschaftlich orientiertes Gymnasium, an dem kein LK Musik angeboten wurde, und bereitete mich außerschulisch auf meine Aufnahmeprüfung vor, die ich auch so sicher bestanden hätte, wenn auch eher mittelprächtig.

Die Freude am Klavierspiel blieb dennoch, auch nach dieser Entscheidung. Es gab allerdings lange Perioden, in denen ich kaum oder gar nicht gespielt habe, aus beruflichen und familiären Gründen, vor allem aber während meines späteren Studiums, damals kam ich praktisch gar nicht dazu. Unterricht nahm ich bis vor ein paar Jahren auch nicht mehr.

Heute verbringe ich wieder viel Zeit damit, auch wenn ich kaum mal ein mittelschweres Stück fehlerfrei oder gut interpretiert durchspielen kann, von einem Repertoire ganz zu schweigen. Zum Vorspielen taugt es nicht. Das macht aber nichts, ich lerne wenigstens die Musik mir wichtiger Komponisten genauer kennen. Es bereitet mir Freude, an kleineren Details zu feilen, die Strukturen der Komposition kennen zu lernen, mir über mögliche Phrasierungen und Zusammenhänge Gedanken zu machen, mit den Fingern das Stück zu ertasten. Ich könnte Stunden damit zubringen, in aller Zufriedenheit. Das Feedback, das ich alle vier, fünf Wochen von meinem Klavierlehrer bekomme, genügt mir. Vor ihm, das liegt nur wenige Jahre zurück, hatte ich gar keines, das ging auch. In letzter Zeit erhielt ich via Twitter zusätzlich noch sehr guten Privatunterricht, der mich technisch recht gut voranbrachte, nun macht mir das Spiel noch mehr Freude.

Nun gut, das Ganze ist eine ziemlich solipsistische Tätigkeit, denn, wie erwähnt, zum Vorspielen ist meine „Kunst“ nicht gut genug, auch nicht für ein informiertes Laienpublikum, zudem bin ich viel zu nervös dafür und reagiere regelmäßig mit Blockaden.

Warum verbringe ich so viel Freizeit mit meinem Klavier, vorzugsweise zu meiner „Grünteezeit“ nach Feierabend oder in den frühen Morgenstunden? Ich nenne es einfach Liebe. Ein Begriff, mit dem ich trotz seiner Abgedroschenheit immer noch etwas anfangen kann. Ja, Liebe und Hingabe.

Es gibt auch noch einen weiteren Grund, der mir erst gestern richtig klargeworden ist. Den werde ich aber in einem der nächsten Beiträge betrachten, da er über das Klavierspiel weit hinausgeht.

Ja, sehr oft denke ich daran, was wohl gewesen wäre. Vielleicht hätte ich durch den Leistungskurs die notwendige Sorgfalt für meine Klaviertechnik aufgebracht und wäre besser geworden. Vielleicht hätte ich dann studiert, könnte womöglich die Sonate von Alban Berg, die Sonate-Fantaisie von Alexander Skrjabin, die „Pastorale“ von Beethoven, die vierte Ballade von Chopin etc. spielen? Das stelle ich mir oft traumhaft vor.

Aber ich möchte nicht hadern. Es waren nicht nur die äußeren Umstände, es gab auch zwei Probleme, die mir die Jugend schwergemacht haben und die mich oft an ernsthafter Arbeit gehindert haben, über die möchte ich hier allerdings nicht sprechen. Ich kann eigentlich niemandem außer mir die Schuld dafür geben, dass letzten Endes nichts aus meinem Jugendtraum geworden ist.

Doch Schuld geben ist ohnehin keine gute Strategie, Hadern ist ebenfalls nicht gut, man fühlt sich schnell als zu kurz Gekommener, entwickelt womöglich Ressentiments; das beobachte ich zumindest immer wieder bei sehr vielen Menschen. Sie werden dann trübsinnig und oft genug sogar hasserfüllt.

Und warum sollte ich auch? Ich bin überaus glücklich und zufrieden mit meiner großen Liebe, dem Klavier, ganz privat und in aller Amateurhaftigkeit.

 

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Über Klaus Lorch

Ich bin Biologe mit Interesse an Botanik, Mykologie, Ökologie, Evolution, Meeres- und Molekularbiologie. Fan von Klassischer Musik, Philosophie und Literatur.
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16 Antworten zu Mein Klavier und (k)ein Bedauern.

  1. Su | ApropoSmedia schreibt:

    Endlich wieder ein echter „Klaus“ –
    Vielen Dank für deine Gedanken.
    Und das nicht hadern.

    • Klaus Lorch schreibt:

      Ein „echter Klaus“. Du bist wirklich gut, Su. 🙂 Ich danke Dir für den Kommentar und ich werde mir weiterhin sehr viel Mühe geben, mit möglichst wenig zu hadern.

  2. Hanne schreibt:

    Es klingt schon sehr sehnsüchtig

  3. leggiero flautato schreibt:

    Lieber Klaus, seit langer Zeit folge ich dir auf Twitter. Deine Tweets sind oft wohltuende Oasen, ich lese sie sehr gern. Nun auch hier im Blog. Ich wünsche mir mehr Musik im Netz, du weisst es. Es gibt zuviel Hass auf dieser Welt. „Musik ist der Atem der Seele“ schrieb mir heute jemand. Das finde ich sehr gut ausgedrückt und deshalb heute auch ganz besonders an dich: Danke für deine sehr persönlichen Worte und berührenden Einblicke in dein musikalisches Leben. Du hast deinen Traum nicht als „Beruf“ verwirklicht, aber was macht das schon?
    Viel Freude auf deinem weiteren Weg! Susanne

    • Klaus Lorch schreibt:

      Liebe Susanne, das ist ja ein großes Kompliment, ich danke Dir dafür. Ja, ich finde, Du hast recht in dem was Du schreibst und ich verfolge gerne, was Du zusammen mit Deiner Kollegin und anderen musikalisch unternimmst, besonders auch mit Kindern. Wie gesagt, ihr hadere nicht damit, dass Musik nicht mein Beruf geworden ist. Nur manchmal bin ich etwas wehmütig, wenn mir z. B. Wissen und Technik fehlt, auch grundlegende(s), oder wenn ich sehe, wie die vielen MusikerInnen, die meine Timeline besiedeln, miteinander musizieren. Aber meistens freue ich mich einfach mit ihnen und darüber, was ich immerhin habe, und das ist nicht wenig.
      Danke, Susanne, ich hoffe, wir begleiten uns noch recht lange auf Twitter und den unseren Blogs. Herzlichst, Klaus

  4. ulbarb schreibt:

    wenn du wüsstest….
    (dein post wurde lesetext/grundlage für eine deutschstunde, mit einer dame aus florenz, die auch gerne und dann doch nicht musikerin geworden ist.)
    danke für die bereicherung und lg von ulrike und franci

  5. Silbia schreibt:

    Lieber Klaus,
    der letzte #frapalymo, an dem wir beide teilnahmen und erstmalig „begegneten“, liegt lange zurück. Ich habe nie bei twitter gelesen, kam jetzt aber doch dazu und habe deine timline mal von oben nach unten gelesen. 🙂
    Deine Liebe zu den Pflanzen und der Musik finde ich wunderbar nachvollziehbar. Toll, dass du dir „dein Klavier“ gönnst. Ich hatte einmal ein Klavier und habe etwas die Freude daran verloren, weil meine Tochter in nullkommanix besser spielte und mir aufzeigte, dass ich das nie so schaffen würde. Als ich dann eigene Wege ging, verkaufte ich das Klavier und meine Tochter schimpfte, sie meinte, es sei doch für mich wenn ich spielen würde und das allein zähle. Ich dachte, sie hat gut reden.
    Mein Perfektionismus hat es nicht zugelassen, dass ich mir meinen Traum ein zweites Mal erfülle und wieder ein Klavier anschaffte. So berührt es mich zu lesen, wie fein du es dagegen machst. Mit dem „gelassenen Eifer“, dem Plan für die Fingersätze etc.. Deine Musikempfehlungen werde ich mir nun gern weiterhin anhören (konnte jetzt nicht alles nachholen – es gibt sogar Bekanntes gern Gehörtes für mich dabei, das freut mich!).
    Ein langer Kommentar, nach einem ausführlichen Ausflug in Musikalisches und Feines – danke dafür!

    Beste Grüße aus der Silbenkemenate,
    Silbia

    • Klaus Lorch schreibt:

      Liebe Silbia,
      herzlichen Dank für Deinen ausführlichen Kommentar. Er erreicht mich zu einem denkbar günstigen Zeitpunkt, da ich selbst zum Perfektionismus neige und gerade drauf und dran bin, die Sache zu schmeißen. Ich würde gerne besser werden, schaffe das aber aller Voraussicht nach nicht. Dein Kommentar ruft mich wieder zur Besinnung. Ich kann ja auch weiterhin spielen, ohne mich irgendeiner Beurteilung von außen zu stellen, wieder „heimlich“ wie all die Jahre zuvor. Ich denke, das wäre eine prima Lösung. Ich liebe das Klavier einfach zu sehr. Falls Du Dich auf Twitter rumtreibst würde ich sehr mich freuen, wenn Du Dich bemerkbar machen würdest.
      Bald ist wieder Frapalymo-Zeit. Wäre schön, Dich dabei zu haben.

      Liebe Grüße und besten Dank
      Klaus

      Liebe Grüße

      • Silbia schreibt:

        Lieber Klaus,

        dann möchte ich nochmals kräftig nachsetzen, dass es sicher nicht gut ist, wegen des Perfektionismus das Erreichte aufzugeben! Ich trauere meinem Klavier schließlich auch nach 15 Jahren noch nach! Wenn dir dein Spiel Freude bereitet, dann ist es das doch schon wert. Man muss ja kein Alfred Brendel sein, obwohl ich ihn bewundere, wie viele andere. Aber ich würde auch dich bewundern, ganz sicher. Weil das Klavier mir das schönste aller Instrumente ist und einigermaßen feines Spiel mich schon sehr entzücken kann! 🙂 Also bitte dranbleiben, sei es dir wert!
        Nein, ich habe bei Twitter keinen Account, nur quergelesen.

        Liebe Grüße,
        Silbia

      • Klaus Lorch schreibt:

        Liebe Silbia,
        danke, werde ich machen. 🙂
        Herzlichst
        Klaus

  6. mickzwo schreibt:

    Lieber Herr Lorch!
    Ich möchte mich hier in aller Form für den vorletzten Satz dieses Artikels bedanken. Für die Kommentare von Silbia gilt das im Übrigen auch. 🙂

  7. mickzwo schreibt:

    Ich meinte natürlich den vorletzten Absatz. Das sind zwei Sätze. Sorry.
    LG, mick.

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