Grönland 2015 – Vorbereitung

Ich tu’s.

Seit Jahren träume ich davon, wieder einmal nach Lappland oder eine andere arktische Region zu reisen und dort zu wandern.

Polarkreis - Schweden

Polarkreis – Schweden, 1995

Kennen und lieben gelernt habe ich Schwedisch-Lappland während meines Biologiestudiums. Der Lehrstuhl Pflanzenphysiologie bot eine vierzehntägige Exkursion an, an der ich fünfmal teilnahm, davon zweimal als Exkursionsleiter einer der beiden Teilgruppen. Obwohl meine erste Tour (1995) recht verregnet war und ich viel zu viel Gerödel durchs Fjäll schleppte, war ich begeistert von der Landschaft, der Stimmung und den Ökosystemen.

Stuor Reaiddavaggi zwischen Sälka und Nallo mit Polyfonböden und Solifluktion.

Stuor Reaiddavaggi zwischen Sälka und Nallo mit Polygonböden und Solifluktion, 1998.

Nordeuropa bietet im Gegensatz zu Mitteleuropa immer noch großräumige, weitgehend natürliche Gebiete mit zahlreichen Feuchtgebieten und frei mäandrierenden Flussläufen. Die teilweise kargen und doch vielfältigen Pflanzengesellschaften, an denen oft Flechten und Moose beteiligt sind, die gesamte Ökologie einschl. der parasitischen Pilze (01) begeistern mich sehr. Von der Biologie ganz abgesehen bin ich hingerissen von der Landschaft, den Gebirgsformationen, den U-Tälern, ich genieße die Zivilisationsferne ohne Lichtsmog, Hektik und Lärm (darüber habe ich schon an anderer Stelle geschrieben: „Knisternde Stille“ https://klauslorch.wordpress.com/2012/11/08/knisternde-stille/ und „Verlassene Lichtung“ https://klauslorch.wordpress.com/2011/04/22/verlassene-lichtung/).

Trotzdem ergab sich nach 2000 keine Gelegenheit mehr, in diese oder vergleichbare Gegenden zu reisen. Letztes Jahr dachte ich mir, dass ich mich in meinem mittlerweile fortgeschrittenen Alter so langsam mal aufraffen sollte, wenn ich das alles noch einmal erleben möchte; noch habe ich z. B. keine Knie- oder Rückenprobleme, was sich bekanntlich schnell ändern kann.

Blick auf Tjäktjavagge mit Tjäktjajakka und Blick ins Geargevaggi.

Blick auf Tjäktjavagge mit Tjäktjajakka und Blick ins Geargevaggi, 1998.

Die gleiche Tour wie während der Universitätszeit möchte ich nicht mehr machen, schon alleine, weil es einem Vergleich nicht standhalten kann, da wir ja in der Gruppe unterwegs waren. Die Gegend (zwischen Abisko im Norden und Sälka im Süden) darf es aber schon sein. Nur möchte ich noch mehr abseits der Hauptwanderstrecke Kungsleden unterwegs sein, vorwiegend oder ausschließlich im Zelt übernachten und vielleicht einmal bis in das Gebiet des Stonsteinsfjellet (Norwegen) vordringen. Den Gletscher dieses Berges habe ich von Unna Alakas aus gesehen und er hat mich immer angezogen.

Unna Alakas, 1997

Unna Alakas, 1997

Mein Plan wäre, bald nach dem Kiron den Kungsleden zu verlassen um bei Sälka wieder kurz auf ihn zu stoßen und danach über den Nordkalottleden über Norwegen und Unna wieder zurückzukehren. Es gäbe auch sonst noch einige, weniger begangene Wege, die bei einigermaßen gutem Wetter zu schaffen sein müssten

Weitere gedankliche Alternativen waren Island oder der Sarek Nationalpark. Letzten Sommer wurde ich dann noch durch einen Twitterer (@Koerb_de / http://www.koerb.de/ ) in meiner Timeline auf den Arctic Circle Trail in Grönland aufmerksam gemacht, und der Gedanke, dorthin zu reisen, ließ mich nicht mehr los.

Ahpparjavri, 1995

Ahpparjavri, 1995

Welche Tour es letztendlich werden sollte, wollte ich von meiner Fitness abhängig machen. Die erste kann man notfalls abkürzen, ich kenne mich in der Region aus und die Hütten haben Nottelefone. Meistens ist auch ein(e) Hüttenwirt(in) da und auf jeder zweiten entlang des Kungsleden kann man Proviant kaufen, worauf man sich allerdings gegen Ende der Saison nicht verlassen sollte. Das alles fällt beim Circle Trail weg.

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Im Oktober habe ich mit meinem Training begonnen und die Vorfreude hat mich unwahrscheinlich angespornt. Hilfreich waren von Anfang an ein Pulsmesser und eine Nahrungsmittelapp, die mir mein älterer Sohn empfohlen hat. Seit Mitte Oktober habe ich gut 10 kg abgenommen und meine Trainingsleistungen enorm verbessert. Mein letzter gründlicher Gesundheits-Check mit Belastungs-EKG fiel top aus und damit war für mich die Entscheidung gefallen: ich habe die Flüge nach Grönland gebucht. Die anderen Touren verschiebe ich auf die kommenden Jahre.

Sälka - Präsentation der bestimmten Pflanzen (Autor), 1997

Sälka – Präsentation der bestimmten Pflanzen (Autor), 1997

Wandern werde ich gegen Ende der Saison, das hat sich auch in Lappland immer bewährt; zu dem Zeitpunkt sind die Mücken meistens durch erste Nachtfröste dezimiert. Die meisten Blütenpflanzen sollte ich auch in nicht blühendem Zustand erkennen können. Ich werde mir mit vierzehn Tagen (plus zwei Puffertagen zur Sicherheit) ausreichend Zeit nehmen für die Strecke, damit die Botanik auf keinen Fall zu kurz kommt. Vielleicht reicht die Zeit sogar noch für die eine oder andere pflanzensoziologische Aufnahme, das hoffe ich sehr. Aus Erfahrung weiß ich, dass mir mit Gepäck mehr als 20 km am Stück keinen Spaß machen, weswegen die längsten Etappen etwa 17 bis 18 km lang sein werden.

 

Die Liste der Gefäßpflanzen ist überschaubar, nimmt man Moose und Flechten dazu, wird es schon deutlich schwieriger, den Überblick zu behalten. Aber ich habe ja noch einige Zeit für die Vorbereitung und bin schon eifrig dabei, da sie mir schon unwahrscheinlich viel Freude macht; sie macht einen guten Teil meiner Euphorie aus, die mich derzeit durch mein recht anstrengendes Konditionstraining trägt. Genauer anschauen möchte ich mir insbesondere die Feuchtgebiete und den Bewuchs der Fließ- und Polygonböden, die Wunschliste wird aber während der Vorbereitungsphase sicher noch länger werden.

Grönland, ich komme!

 

Salix herbacea (Krautweide) mit Rhytisma salicinum (Teerfleckenkrankheit der Weide), 1995

Salix herbacea (Krautweide) mit Rhytisma salicinum (Teerfleckenkrankheit der Weide), 1995

  1. Ich habe z. B. selten so häuft mit Anthracoidea (eine Brandpilzgruppe) befallene Carices gesehen, wie in Lappland.
Falkenraubmöwe, 1995

Falkenraubmöwe, 1995

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Melancholie, Dämonen, ein Klavier und zwei Bücher (keine Rezension)

Ich möchte mir heute etwas von der Seele schreiben, was mich nun schon seit einigen Wochen plagt. Zu meiner Stimmung passen gut zwei Bücher, die ich gerade gelesen habe, weswegen ich sie hier erwähne. Es sind „Verlangen und Melancholie“ von Bodo Kirchhoff und „Die Wand“ von Marlen Haushofer. Mein Klavier spielt eine zentrale Rolle und wenn ich nun noch etwas über die Dämonen erzähle, haben wir die Überschrift beisammen.

Lappland, zwischen Sälka und Nallo.

Lappland, zwischen Sälka und Nallo.

Die Rahmenhandlung der beiden Bücher deckt sich nicht mit meinen Erlebnissen, dennoch gibt es Gründe und auch gewisse Parallelen, warum die beiden Bücher gerade jetzt so einen tiefen Eindruck bei mir hinterlassen haben. So tauchen während des gesamten Romans „Verlangen und Melancholie“ immer wieder Erinnerungen, die Hinrich, der Erzähler, an seine ehemalige Frau hat, auf. Sie hat sich, und hier endet zum Glück diese Parallele, umgebracht. Die Szenen und Gespräche aus der gemeinsamen Vergangenheit, von denen der Leser nach und nach erfährt, sind vielleicht sogar bedeutender als die eigentliche Handlung.

Obwohl die Trennung von meiner langjährigen Partnerin nun gut 15 Monate zurück liegt, holen mich die Bilder, die Gefühle, die Melancholie erst jetzt richtig ein. Wegen ihrer Intensität und ihrer Hartnäckigkeit nenne ich sie gelegentlich Dämonen. Ich sehe jeden Tag und jede Nacht Bilder von ihr, Bilder von uns, von schönen Tagen und den Tagen des Abschieds, der vielleicht nur ein vorübergehender hätte sein müssen, aber ein endgültiger wurde. Ich erinnere mich an Gespräche, sehe anklagende Bilder und Bilder einer schönen, glücklichen Zeit und fühle mich ziemlich schäbig, frage mich, ob die Trennung wirklich nötig war. Verstärkt werden die Gefühle noch dadurch, dass ich gerade wieder Fotos bearbeite, die aus unserer gemeinsamen Zeit stammen, das allein erklärt jedoch nicht diese Intensität.

Lappland 1997Ich denke, die Dämonen kommen einfach, seit ich wieder richtig fühlen kann; die Mauer, die ich um mich errichtet habe, bröckelt. Die Gründe für die Trennung waren augenscheinlich die üblichen; vieles wird Routine, man lebt nebeneinander her, schließlich lebt man sich auseinander und dann kommt eine andere Frau bzw. ein anderer Mann ins Spiel.

Ich habe seinerzeit wohl nachvollziehbar gehandelt: ich fühlte mich weitgehend überflüssig, zunehmend unwohl und das allerwichtigste in einer guten Beziehung, der gegenseitige Respekt, wurde immer weniger.

Es geschah aber auch aus einer depressiven Grundstimmung heraus. Ich befürchtete, mich demnächst aufzugeben und das ist der bedenkliche Anteil. Die üblichen Probleme einer längeren Partnerschaft waren Realität, denke ich. Dass ich einen wichtigen Teil von mir aufgebe, hat allerdings nie jemand von mir verlangt, schon gar nicht meine Partnerin, um die es hier geht. Trotzdem hätte ich es getan, weil ich nach Harmonie im menschlichen Miteinander strebe und Streit gerne vermeide. Ich passe mich gerne an und versuche mögliche Disharmonien schon im Vorfeld zu vermeiden. Das ist eine ungünstige Voraussetzung für eine Partnerschaft und vielleicht bin ich deswegen auch für keine weitere mehr geeignet.

Passiert ist mir das bis jetzt in jeder Beziehung und es war auch jedes Mal der Anfang vom Ende. Dieser verhängnisvolle Hang, die eigenen Bedürfnisse zurückzustellen, hängt vielleicht damit zusammen, dass ich der mittlere von drei Brüdern bin – man sagt ja, dass die gerne vermitteln – und dass ich immer das brave Kind war. Aber egal warum, dieser drohende, vorauseilende Verhaltensopportunismus war der ausschlaggebende Grund, warum ich flüchtete. Eine Flucht war es, obwohl ich mir aus Respekt mehrere Tage Zeit für den Abschied nahm, denn die Entscheidung stand ja fest.

Es lag in der Luft, dass wir zusammen ziehen würden, nach über neun Jahren vermutlich nichts Abwegiges.

Wären wir aber zusammengezogen, hätte ich wohl mit der Zeit aufgegeben, Klavier zu spielen; es wäre jedenfalls weniger geworden, obwohl – wie angedeutet – meine Partnerin Musikdas nie von mir verlangt hätte. Eigentlich kann ich ihr gar nichts vorwerfen, die Probleme gingen von mir aus. Es hätte Schwierigkeiten gegeben, deren Gründe ich hier nicht ausbreiten möchte, und vor denen wäre ich sicher zunehmend ausgewichen, hätte statt dessen Dinge getan, von denen ich annehme, dass sie besser zu einem harmonischen Miteinander passen würden oder hätte mich abgekapselt. Das wäre natürlich auf Dauer nicht gut gegangen, irgendwann hätte sich meine Unzufriedenheit – deren Ursache mein seltsames Anpassungsverhalten gewesen wäre – sicher Bahn gebrochen.

Nun bin ich nur Amateur am Klavier und nicht einmal ein besonders guter, aber dieses Instrument bedeutet mit sehr viel, schon seit frühen Kindertagen, als Jugendlicher war es mein wichtigster Zufluchtsort. Es ist sogar einer der Gründe, warum ich nach meiner Diplomarbeit in der Biologie – neben dem Klavierspiel eine weitere große Liebe – nicht weitergemacht und keine Universitätskariere angestrebt habe. Ich kannte und kenne mich gut genug, um zu wissen, dass ich mir dann kaum noch Freizeit und damit auch keine Zeit für das Klavierspiel gegönnt hätte.

Ein anderer wesentlicher und sicher vernünftiger Grund war der, dass ich eigentlich schon zu alt war; ich begann erst spät mit meinem Studium und beendete die Diplomarbeit mit 39. Aber dieser eine, der wegen des Klaviers, der unvernünftige Grund war der ausschlaggebende, daran hatte ich nie einen Zweifel. Den anderen nenne ich nur, wenn ich meine, mich rechtfertigen zu müssen; klingt irgendwie plausibler, finde ich, und führt zu weniger Fragen.

Womöglich würde mir ein Psychologe dringend raten, das Klavierspiel endlich aufzugeben, wenn doch nichts dabei raus kommt und ich mir nur ständig mit diesem solipsistischen Tun mein Leben ruiniere. Aber ich habe meine Entscheidung getroffen und ich stehe auch heute noch dazu (ich höre meistens auch nicht auf die Ratschläge von Psychologen; die sind in meinem Verständnis zum Zuhören und vor allem für gute Nachfragen da).

Dennoch fühle ich mich schlecht, weil ich wegen Egoismus und einer Lappalie, die es ja wohl für Außenstehende ist, so viel Wichtiges zerstört habe und meine Loyalität aufgekündigt habe.

Und dieses Gefühl, diese Bilder lassen mich seit Wochen nicht mehr los, verfolgen mich Tag und Nacht, und es fällt mir sehr schwer, ihnen wenigstens zeitweise zu entkommen.

Ich möchte nicht unterschlagen, wie es mit der Frau, die mit im Spiel war, weitergegangen ist:

Ich konnte mich in der Hinsicht  ja immer gut beherrschen; wenn ich mich in einer festen Partnerschaft befand war ich nie untreu; darauf bin ich auch ziemlich stolz. Wäre alles in Ordnung gewesen, hätte ich auch dieses Mal die Gefühle gar nicht erst zugelassen, treu blieb ich trotzdem. Aber dieses Mal ließ ich sie zu und verliebte mich schrecklich. Jedoch, um es kurz zu mache, die Verliebtheit war ein riesengroßer Irrtum, wie wir recht bald herausfanden. Eigentlich passten wir überhaupt nicht zusammen. Nun denn, so was gibt’s, Tragikomödien, die das Leben schreibt. Geschieht mir recht, denke ich im Nachhinein.

Seltsam finde ich, dass mich die Gefühle erst jetzt richtig einholen, wo es doch schon eine gute Weile her ist. Sicher, ich war noch nie ein Freund des „Das war’s“, nur sehr wenige SardinienMenschen, mit denen ich engeren Kontakt hatte, beschäftigen mich heute nicht mehr. Doch diesmal ist es anders, erst jetzt fühle ich den Trennungs- und Verlustschmerz, etwas, was ich vielleicht besser schon damals gefühlt hätte. Es mag sein, dass es daran liegt, dass mich seinerzeit ständig das Gefühl der Zerrissenheit plagte, gelegentlich war ich fast panisch, nicht nur wegen unserer Geschichte, auch aus beruflichen Gründen und einer Unzufriedenheit mit mir selbst. Die ganze Zeit war ich am Laufen, ich konnte kaum schlafen. Da war wohl wenig Platz für weitere Gefühle, nur noch für Entscheidungen, Schnitte und Schritte.

Der November mag auch seinen Teil zu meiner melancholischen Stimmung beisteuern.

Hochfläche bei Castellucio, Nationalpark Monti Sibillini

Hochfläche bei Castellucio, Nationalpark Monti Sibillini

Wie auch immer, jedenfalls tauchen die Gefühle, die eigentlich akute sein sollten, erst jetzt auf. Besonders schwer fällt mir auch, meine Reisen zu planen. Dieses Jahr ging es noch ganz gut, alleine durch Italien (Sibillinische Berge, Marken, Umbrien) zu reisen und zu wandern. Bei den Plänen für nächstes Jahr bemerke ich schon eine gewisse Lustlosigkeit. Unsere Reisen waren einfach immer klasse, nicht nur wegen unseres gemeinsamen Interesses an Biologie und Geologie.

Lappland, bei Sälka

Lappland, bei Sälka

Ich denke, ich werde in Zukunft eher die Touren unternehmen, die wir gemeinsam nicht unternommen hätten, also längere autarke Touren mit Zelt und kompletter Verpflegung, vermutlich besser alleine.

Es reizen mich vor allem polare Regionen, Südbuchen- und Nebelwälder, vorwiegend der gemäßigten und kühlen Klimaregionen. Wenn ich mich fit halte und keine Krankheiten und orthopädische Probleme bekomme, müsste ich solche Touren noch gut zehn Jahre lang unternehmen können. Diese Ziele halten mich gerade über Wasser, es sind keine einfachen Reisepläne, sondern auch eine ziemliche Herausforderung und wenn ich weiter so trainiere wie die letzten eineinhalb Monate, werde ich sie auch in Angriff nehmen.

Ortlergebiet

Ortlergebiet

Noch ein paar Sätze zum zweiten Buch, „Die Wand“ von Marlen Haushofer, und dazu, warum es auch gerade gut zu meiner Stimmungslage passt. Ich müsste eigentlich Geschichte statt Buch sagen, denn ich sah zuerst den Film und diesen gleich dreimal hintereinander, bevor ich zum Buch griff. Einer der sehr seltenen Fälle, in denen mir Buch und Film gleichermaßen gefallen. Meistens gewinnt das Buch, fast immer sogar. Bei Melvilles „Moby Dick“ war es umgekehrt, sonst fällt mir gerade kein Beispiel ein.

Es gibt einige interessante Interpretationsansätze dieses Buches, die zu verfolgen reizvoll wären, ich gehe darauf jetzt nicht ein. Ich denke, dass ich mich oft in meinem Leben so gefühlt habe, wie die Erzählerin und Protagonistin, getrennt von allen anderen Menschen, sie natürlich real, ich nur gefühlt. Vieles, was in dem Buch zur Sprache kommt, könnten auch meine Gedanken sein. So fürchte ich mich schon immer weniger vor Tieren als vor Menschen; es gibt kaum Tiere, mit denen ich eine Begegnung vermeiden möchte, und bei den wenigen gibt es dafür auch sehr gute, rationale Gründe, doch selbst da bin ich nicht wirklich konsequent. Es ist aber vorwiegend die Stimmung, die sich durch das ganz Buch zieht, die gerade so gut zu meiner eigenen passt.

Trotz der Melancholie, die in der Geschichte immer wieder auftaucht, finde ich sie nicht pessimistisch oder hoffnungslos. Vielmehr schonungslos, sehr menschlich und mit einer Spur Optimismus, der nicht illusorisch ist, sondern unserer Natur angepasst, wie mir scheint. Und das möchte ich festhalten.

Ich weiß nicht, ob ich jemals wieder auf die Art lieben kann, dass ich mir eine gemeinsame Zukunft erträume, ich denke eher nicht.

Delphine

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Totholz

Die kalkweiße Felswand fällt steil ab, was sich unterhalb der Wasseroberfläche fortsetzt, etwas weiter draußen, kaum 100 Meter vom flachen Ufer entfernt, ist der Grund des Sees schon nicht mehr zu sehen. Solange die Sonnenstrahlen das klare Wasser durchfluten, spüre ich nur eine leichte, noch durchwegs angenehme Anspannung, während ich durchs Wasser schwebe.

Oberfläche 1Das ändert sich plötzlich, sobald die Sonne fehlt. Im Schatten, in den ich immer wieder gerate, wirkt die Umgebung bedrohlicher, die Tiefe unter mir wie ein Schlund, meine Bewegungen werden vorsichtiger, ich verharre immer wieder, blicke mich nach allen Seiten um.

 

Dann sind die Baumstämme zu sehen, eine gespenstische Szenerie. Vor einiger Zeit geschlagen, ins Wasser gefallen und schließlich untergegangen, ragen sie in unterschiedlichen Winkeln aus der Tiefe nach oben, mit Algen und feinstem Schlamm bedeckt, die Schnittfläche sichtbar – ein lockeres Baum-Mikado, das auf mich zeigt – oder doch zum Grund? Aus den Algen steigen hin und wieder silberne Gasblasen auf, reißen feinen Ton mit sich, der Wölkchen bildet und dann langsam in die Tiefe rieselt. Eine stumme Welt. Wie die Felswand verlieren sich die massigen Stämme in der Tiefe und der Weite des Sees. Die Orientierung kippt immer wieder, es kann einem gelegentlich schwindlig werden. Was liegt im Lot, die Felswand oder die Bäume? Großartige Bilder einer seltenen Unterwasserlandschaft, die einen ängstigen, lichtes Grün nur oben, das mit zunehmender Tiefe in Ocker- und Umbratöne übergeht, darunter ein schwarzer Abgrund, der mich lockt. Mein Respekt vor Gefahren hält mich dieses Mal davon ab, tiefer zu gehen. Der Tod wäre heute in meiner Nähe.

Oberfläche 3Ich kann ihn eher nebenbei spüren, den Tod. Bei einer Beerdigung oder wenn ich über ihn nachdenke, bleibt er meist auf Distanz, ein Ereignis unter vielen, äußerst selten kommt er nahe genug heran. Ich kann abstrakt über ihn reden, heiße seine Existenz gut und verteidige ihn gerne mal in entsprechenden Diskussionen.

Einmal, als ich auf der Couch lag und von meinem Buch aufschaute, da war er plötzlich ganz bei mir und jagte mir Angst ein. Nicht das Buch war der Anlass, dass ich schockhaft erfuhr, was ich schon wusste:

Meine Welt wird einmal weg sein

Mein Blick auf die Welt wird irgendwann fehlen

Meine Menschen werden für mich verschwunden sein.

Adrenalin schießt durch den Körper, mir wird kalt bei dieser Gewissheit, dieser Einsamkeit. Eine gute Weile gehört meine Konzentration nur dieser Tatsache. Kein guter Zeitpunkt, sein Leben ändern zu wollen, auch wenn es nahe läge. Der klare Bewusstseinszustand hält nicht lange an.

In solchen Momenten – der mit dem Buch ist kein Einzelfall gewesen – erinnere ich mich an Bilder wie die aus dem See, an Strukturen, die sich in der Ferne auflösen und verlieren. Der Tod, das ist eines seiner Gesichter.

Oberfläche 2

 

 

 

 

 

Diese Geschichte ist zuerst erschienen im  Frohman Verlag (Nr. 53)

Christiane Frohmann (Hg.)
Tausend Tode schreiben
ISBN ePub: 978-3-944195-55-1
ISBN mobi: 978-3-944195-56-8
EUR 4,99
VÖ: 1. Dezember 2014

Die Herausgeber- und Autorenanteile an den Erlösen werden dem Kindersterbehospiz Sonnenhof in Berlin-Pankow gespendet.

 

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Dunkelheit

Nach dem TauchgangZuerst veröffentlicht unter http://nichtschonwiedereinblog.wordpress.com/

Stichwort „Dunkelheit“

Dunkelheit… damit verbinde ich viele Erinnerungen und mir fallen gerade beim Nachdenken darüber deutlich mehr schöne und ergreifende als unangenehme ein. Erinnerungen an Nächte in Schottland und Lappland (darüber habe ich bereits hier geschrieben https://klauslorch.wordpress.com/2011/04/22/verlassene-lichtung/ ), an etliche, ungezählte Nachttauchgänge in heimischen Gewässern, an zahlreiche Schnorcheltauchgänge in der Abenddämmerung an den Riffabhängen des Roten Meers bei al-Quseir mit meiner ehemaligen, lieben Partnerin R., wenn in der dunklen Tiefe nur noch ab und zu Fischleiber oder die großen, starren Augen der Soldaten- und Husarenfische silbern aufblitzen, wenn Adrenalin mit im Spiel ist, beim Schweben über der schwarzen oder dunkelblauen Tiefe, zeitlos. Dunkelheit schärft Gefühle und Empfindungen, weckt Lebensgeister, macht Einsamkeit und Verbundenheit deutlicher, Dunkelheit ist ehrlich, Licht blendet mitunter – nicht Kerzenlicht oder Feuer, Kunstlicht schon.

Eines meiner schönsten Erlebnisse mit Dunkelheit hatte ich in Australien, es war bei einem Nachttauchgang auf dem Great Barrier Reef. Es ist schon einige Jahre her, aber ich denke immer noch sehr gerne und oft daran zurück. Vier Wochen war mein Freund G., mit dem ich zuvor schon einige Male Teile Schwedisch-Lapplands durchwandert hatte, mit mir in Australien inklusive Tasmanien unterwegs, meistens im Zelt und viel zu Fuß, ohnehin eine unvergessliche Zeit. Tauchen war ursprünglich nicht eingeplant, aber ein Zyklon hatte unseren Flug in den Kakadu Nationalpark verhindert. So sind wir ein paar Tage mit einem kleineren Taucherboot an eins der Außenriffe gefahren, mein Freund schnorchelte, ich tauchte.

AbendstimmungDen Guide konnte ich bei einem gemeinsamen Checktauchgang schnell überzeugen, dass ich gut ohne ihn tauchen konnte. Ich nahm eine Tauchanfängerin mit, J., eine junge, schöne und sehr sympathische Amerikanerin. Sie war die geborene Taucherin und wir verstanden uns unter Wasser blind. Wir hatten einiges Glück bei unseren Tauchgängen und so konnte ich ihr viele Highlights der dortigen Unterwasserwelt zeigen. Sie traute sich dann auch, einen Nachttauchgang mit mir zu unternehmen, es war ihr erster, sie war entsprechend aufgeregt und verständlicherweise auch ein wenig ängstlich, ich sah es an ihren flehend freudigen Augen an Bord, unvergessliche Blicke. Ich hielt deswegen auch während des Tauchgangs fast die ganze Zeit ihre Hand, meiner Erfahrung nach die beste Strategie, um Angst bei einem Nachttauchgang vorzubeugen. Handschuhe trugen wir nicht. Nach einer Weile der Gewöhnung und Beobachtung führte ich sie um einen Korallenblock herum, so dass wir die Lichter des Schiffes nicht mehr sehen konnten. Ich wollte ihr nämlich noch als besonders romantisches Ereignis das Meeresleuchten zeigen. Wir knieten im Sand einander gegenüber, Hand in Hand und ich beobachtete ihre Augen und Bewegungen. Am Rand des Lichtscheins unserer Lampen tauchten immer wieder Fische auf, einmal auch ganz gelassen die Schwanzflosse eines mittelgroßen Riffhais, es war einfach großartig.

Als ich sah, dass sie ganz ruhig war, steckten wir unsere Lampen in den Sand und es wurde stockdunkel. Meine freie Hand bewegte ich hin und her, um das Meeresleuchten zu erzeugen, erst sachte, dann immer heftiger, aber Noctiluca und Konsorten wollten uns den Gefallen in dieser Nacht nicht tun, es blieb dunkel.

Dennoch war es ein unbeschreiblich schönes Gefühl, alleine mit J. weit draußen im Korallenmeer des Pazifiks, in völliger Dunkelheit, zu knien, die leisen Geräusche des Riffs zu hören, miteinander verbunden nur durch unsere Atemgeräusche und unsere Hände und nur dadurch nicht wirklich allein.

Beim Zurücktauchen verfranzte ich mich ein wenig und wählte daher den geraden Weg zurück über das Riffdach, das Wasser war tief genug dafür. Dabei konnten wir zum Abschluss noch das faszinierende, irisierende Farbenspiel zweier Kalmare im Liebesspiel sehen, einer der schönsten Anblicke, die sich einem beim Nachttauchen bieten können, wie ich finde. Nach einer schönen Nacht mit wenig Schlaf an Deck des Bootes – ich hatte am Tag nach dem Nachttauchgang Geburtstag – und zwei weiteren, wieder ereignisreichen Tagtauchgängen am folgenden Tag ging es für mich zurück nach Cairns, ich wechselte auf ein anders Boot, das uns, G. und mich, über zwei Stationen an Land brachte, J. blieb noch an Bord.

Bevor mein Boot kam, standen wir noch lange nebeneinander an der Reling und schauten aufs offene Meer, wechselten wenige Worte, schwiegen viel, tauschten keine Adressen aus.

Wir verloren uns an diesem Tag aus den Augen… aber nicht aus dem Sinn, zumindest soweit es mich betrifft.

J.

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Das Blogstöckchen, die Kirche und ich

Nun hat mich dieser Tage auch ein Blogstöckchen getroffen und zwar von der lieben Susanne, deren Fragen ich sehr gerne beantworte.

1. Welche ist Dein liebstes Kirchenmusikstück/Kirchenlied und warum?

Diese Frage ist für mich nicht leicht zu beantworten, da ich keine Lieblingsdinge habe, weder eine Lieblingsfarbe noch ein Lieblingsbuch oder ein liebstes Musikstück usw. Aber ein Kirchenmusikstück, das ich immer wieder gerne höre, ist das Requiem von Fauré. Es wirkt auf mich nicht so schwer und tragisch wie manche andere Requien, es klingt insgesamt friedvoller und versöhnlicher und geht so mit dem Thema Tod ganz in meinem Sinne um. Fauré erreicht diese Wirkung unter anderem, in dem er das „Dies irae“ nur knapp vertont und ans Ende des Requiems ein „In paradisum“ hinzufügt.  Das wirkt auf mich sehr friedvoll, auch wenn ich nicht an ein Leben nach dem Tod glaube und es mir auch nicht wünsche.

Ein Kirchenmusikstück, das mir ebenfalls sehr gut gefällt, ist die H-Moll-Messe von Johann Sebastian Bach. Die Interpretation des Collegium 1704 hörte ich die vergangenen Wochen häufig.

Kirchenlieder sind mir leider nicht so präsent, da ich kein gläubiger Christ bin und mich selten während des Gottesdienstes in Kirchen aufhalte. Ganz gut gefällt mir „Vom Himmel hoch, da komm ich her“. Es klingt in meinen Ohren feierlich aber nicht überfrachtet, nicht zu pompös. Außerdem gefallen mir die Bearbeitungen der Melodie von Johannes Sebastian Bach in dessen Weihnachtsoratorium und seinen „Canonischen Veränderungen“, die ich wohl immer mit meinem inneren Ohr mithöre, wenn ich an dieses Lied denke.

2. Kannst Du Dich noch an Deinen Konfirmandenunterricht erinnern? Was war das schönste, was das schlimmste daran?

An den Konfirmandenunterricht kann ich mich kaum noch erinnern, an die Konfirmationszeit dagegen schon, da sie die Zeit war, in der ich Glauben ernsthaft versucht habe, vielleicht sogar geglaubt habe. Ich bin zu der Zeit nebenbei regelmäßig in eine evangelische Einrichtung gegangen, an deren Name ich mich nicht mehr erinnere, irgendetwas mit Gitarrenclub, wenn ich mich recht entsinne; jedenfalls spielte gemeinsames Singen eine wichtige Rolle. Dort trafen sich vorwiegend jüngere Leute und der Umgang miteinander war nicht steif, sondern betont locker; das war zumindest die Absicht. Um ehrlich zu sein, bin ich in erster Linie dorthin gegangen, weil ich mir die Anwesenheit eines bestimmten Mädchens erhofft habe, das ich dann aber leider nie dort angetroffen habe (Hallo S.!).  Ich habe es trotzdem eine ganze Weile gerne dort ausgehalten und habe noch längere Zeit Briefkontakt mit einem späteren Missionar gehabt, auch nachdem ich wieder vom Glauben abgerückt war.

Das schönste Erlebnis – zwar nicht des Konfirmandenunterrichts, aber der Konfirmationszeit – war, dass mich diese Leute nach der Konfirmation vor dem Haus meiner Eltern erwarteten und mir ein Ständchen gebracht haben. Das fand ich sehr rührend. An den Unterricht selbst habe ich nur noch zwei Erinnerungen. Die eine ist die, dass ich während des begleitenden Gottesdienstes nie einer Predigt von Anfang bis Ende folgen konnte, so sehr ich mir auch Mühe gab. Das sollte sich auch nie ändern. Irgendwann schweifte meine Aufmerksamkeit immer ab und fand einen interessantener Gegenstand, Gedanken oder Menschen. Die zweite betrifft den Unterricht selbst. Wir bemühten uns, immer möglichst cool zu wirken und haben während des Unterrichts z. B. gezeichnet oder auf andere Weise demonstriert, dass wir wenig interessiert seien. Tatsächlich interessierten uns einige Fragen brennend aber das konnte man ja nicht zugeben oder zeigen, jedenfalls nicht in den 70ern und nicht in meinem Freundeskreis.

3. Wie muss Deiner Meinung nach ein guter Geistlicher heute sein?

Ein guter Geistlicher wäre für mich ein nicht zu selbstsicherer, ja, sogar eher ein zweifelnder Mensch, jedenfalls kein Dogmatiker. Er sollte authentisch sein, sein Reden und Handeln also weitgehend übereinstimmen. Ich erwarte allerdings keinen Heiligen, er kann ruhig menschliche Schwächen haben und Fehler machen. Gut finde ich, wenn er über die alternativen Wege, die durchs Leben führen können, Bescheid weiß und diese akzeptieren kann und wenn er nicht zu missionarisch auftritt.

Ich erwarte von einem guten Geistlichen eine ähnliche Haltung gegenüber Aufklärung und Wissenschaft, wie sie z. B. der ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche, Bischof Wolfgang Huber, vertritt. Für einen guten Geistlichen in meinem Verständnis steht immer der Mensch im Vordergrund, nicht das Gesetz oder Gebot, er versteht die Bibel nicht wortgläubig und er erkennt tragische Konflikte als wesentlich für unser menschliches Leben an, also Konflikte, bei denen man sich unabhängig davon, wie man sich entscheidet, schuldig macht.

Nun gebe ich das Blogstöckchen gerne weiter und zwar an Su, an @Unangepasst und an @erdberetta .

Ich habe zwei der Fragen abgeändert:

1. Kannst Du Dich an einen schönen Kirchenbesuch erinnern und was machte das Schöne daran aus?

2. Welche Bedeutung hat die Kirche heute für Dich und/oder welche sollte sie Deiner Meinung nach haben?

3. Wie muss Deiner Meinung nach ein guter Geistlicher heute sein?

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Knisternde Stille

Mir ist die Welt zu laut geworden.

Damit meine ich nicht nur den Lärm der vielen Maschinen, die benötigt werden um Gärten und Randstreifen in artenarme Einöden zu verwandeln. Auch nicht nur die omnipräsente Dauerberieselung mit dem, was landläufig alles so unter der Rubrik „Musik“ zusammengefasst wird.

Als Lärm empfinde ich auch die Bilder- und Informationsflut, die täglich auf uns einstürmt. Wenn man es Bilder, Informationen nennen darf. Denn wir sehen und erfahren mit zunehmender Flut weniger.

Weil Lärm auf die Dauer taub macht.

Weil Fülle erstickt.

Weil zu viel Möglichkeiten lähmen.

Wenn ich wieder einmal taub und gelähmt bin, ziehe ich mich in die Natur zurück, am liebsten ins Hochgebirge oder nach Lappland. Dorthin, wo der Zivilisationslärm nicht vordringt. Dorthin, wo es still ist.

Stille wird jedoch erst richtig perfekt durch leise Geräusche. Durch Blätterrauschen beispielsweise. Oder durch Regentropfen, den Pfiff eines Steinbocks im stillen Kar; durch das bisschen Geröll, das er los tritt. Durch den Ruf eines  Schwarzspechtes im sonst stillen Wald http://dl.dropbox.com/u/28198805/Schwarzspecht%20Ruf.mp3 . Ein Rascheln, ferne, einsame Tritte auf nassem Kopfsteinpflaster, nachts. Nur dann nehme ich Stille beruhigend wahr. Die Stille eines geschlossenen Raums dagegen dröhnt in meinem Kopf, sie ist nicht weit genug und sie ist hohl. Echte Stille benötigt auch manchmal die richtigen Düfte.

Sehr schöne Geräusche der Stille habe ich in Lappland gehört, meist dann, wenn ich mal eine Strecke alleine unterwegs war. Das Kalben eines weiter oben gelegenen Gletschers im Nallotal. Das leise, kaum vernehmliche Knacken der Granitblöcke im Vistastal, die gerne ankündigen, dass sie sich bald vom Fels lösen möchten.

Eine Ausnahme dieser Regel erlebte ich 1995, einer Lapplandtour mit nur wenigen Teilnehmern. Es war sehr regnerisch, unsere Kleider und Schuhe wurden nicht mehr richtig trocken. Jemand hatte eine Gitarre dabei. Es war in Unna Alakas. Wir lagen früh in den Betten, extrem erschöpft nach einer sehr harten Passüberquerung. Regentropfen am Fenster, wohlige Müdigkeit, Flüstern, Gedanken an uns, die gemeinsame Tour, die Nähe, die irgendwann nicht mehr sein wird. Gelegentlich zupfte jemand ein Stück. Dylan oder Bach, das war egal, Hauptsache unbeholfen, langsam, mit Fehlern und Wiederholungen. Eine Art Stille, nennen wir sie Zivilisationsstille, wie die unbeholfenen Klaviertonleitern in dem Film „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ vermitteln.

Eines meiner schönsten Ruhegeräusche habe ich aber auf der Überquerung des Passes zwischen Alesjaure und Unna Alakas gehört. Ich war sehr früh unterwegs, alleine, um den Sonnenaufgang auf der Passhöhe zu erleben. Als die ersten Sonnenstrahlen auftauchten, hörte ich ein sehr leises Knistern. Es kam von überall her und verbreitete zusammen mit dem schräg einfallenden Licht, das die Moospolster tief grün aufleuchten lies, eine unwirkliche Atmosphäre über dem Berg.

Die hauchdünnen Eisschichten auf den überall verteilten, kleinen und größeren Wasserpfützen brachen durch die Wärme der ersten Sonnenstrahlen auf und verursachten dieses Knistern. Sonst kein Laut. Ein wundervoller Tagesanbruch, meine Sinne nicht mehr betäubt, mein Kopf völlig frei.

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Triller in der Toccata der 6. Partita von J. S. Bach

I. Einführung

Bei der Beschäftigung mit der Toccata aus Johann Sebastian Bachs sechster Partita (E-Moll, BWV 830) ist meinem Klavierlehrer und mir aufgefallen, dass die Triller des Themas im Fugenteil ( Takt 27 bis 88) nur an den Stellen notiert sind, an denen sie auch ein Amateur wie ich gut spielen kann.

Dieses Entgegenkommen bin ich aus anderen Werken des Komponisten nicht gewohnt und so dachte ich mir, ich gehe der Sache einmal nach. Und bei dieser Gelegenheit schreibe ich meine Erkenntnisse gleich auf; vielleicht stehen ja andere vor ähnlichen Fragen.

Thema der Fuge in Bachs Partita Nr. 6 (1. Toccata) mit zwei Ausführungsbeispielen für den Triller und einem für einen Pralltriller.

Meine erste Vermutung, dass die Triller vielleicht nur an ein- oder  zweistimmigen Stellen gesetzt wurden, bestätigt sich nicht. Schon bei den Takten 34 und 35 steht ein Triller über dem  dritten des in drei Schritten aufsteigenden Seufzermotivs, obwohl alle drei Schritte dreistimmig gesetzt sind.  Da der erste Abschnitt hier über einen ausgeschriebenen Nachschlag (Sechzehntel)  in den zweiten Abschnitt des Themas überführt wird, lässt sich jedoch gut nachvollziehen, warum auf diesen dritten Triller nicht verzichtet wurde. Vergleichbares gilt auch für die Takte 40/41, wo das Thema im Bass auftaucht und ebenfalls nur der dritte Triller notiert ist. Im weiteren Verlauf des Stücks wird aber von dieser Regel wieder abgewichen, ohne dass sich mir die Motivation in allen Fällen erschließt.

Die beiden Notenausgaben, die ich besitze (Henle, 1979 und Wiener Urtext Edition, 2004) unterscheiden sich in der Notation der Triller nicht. Das ist auch nicht weiter verwunderlich, weil beide auf dem ersten Originaldruck von 1731 basieren, der von J. S. Bach selbst in Druck gegeben wurde. Auf Abweichungen und Ergänzungen in anderen Quellen wird in beiden Notenausgaben hingewiesen.  In den Anmerkungen einer der Ausgaben findet sich zusätzlich die Empfehlung, die Verzierungen in den Takten 34/35 und 40/41 zu ergänzen, analog zu den Änderungen, die Bach in der Fughetta der Goldbergvariationen (dort nur im Diskant und im Bass, in der Mittelstimme jedoch nicht) nachträglich vorgenommen hat. Warum dann aber nicht auch im Diskant der Takte 58/59? Dann würden die Triller an allen vergleichbaren Stellen gespielt werden, sofern sie im Diskant oder Bass gesetzt sind. In der Literatur fand ich keine weiteren, aufschlussreichen Hinweise und wendete mich daher der Spielpraxis zu. Ich habe die Aufnahmen, die ich besitze, verglichen und das Ergebnis in eine Tabelle eingetragen.

II. Erläuterung zu der Tabelle und Aufnahmen

Tabelle I. Übersicht zu den Trillern in der Fuge. Vertikal aufgetragen sind die Takte mit dem Seufzermotiv, horizontal die Aufnahmen der Pianisten. Eine angefärbte Schnittmenge bedeutet, dass dort ein Triller gespielt wird. Weitere Erläuterungen im Text.

Details zu den Aufnahmen habe ich am Ende dieses Artikels notiert. Dass sich darunter keine Einspielungen mit Cembalo befinden liegt daran, dass ich den Klang dieses Instruments nur im sehr intimen Rahmen schätze, am liebsten in einem kleineren Musizierzimmer, nicht aber auf Tonträger oder im größeren Konzertsaal.

In der linken Spalte sind alle Takte der Fuge angegeben, in denen mindestens ein Interpret eine Verzierung (Triller bzw. Praller) auf dem Seufzermotiv  ausführt. Gezählt habe ich trotz des Alla-Breve-Takts die Viertel. 36.1 steht dabei für das erste Viertel aus Takt 36, 36.3 für das dritte usw. Um die Tabelle nicht zu überladen, wurden Verzierungen (Triller, Mordent usw.), die von den Interpreten teilweise zusätzlich an anderen, nicht das Thema betreffenden, Stellen gespielt werden (z. B. von Anderszewski und Schiff) nicht berücksichtigt. Ein ausgefülltes Feld steht für einen Triller. In den nächsten beiden Spalten sind die Triller, die in den beiden erwähnten Ausgaben eingezeichnet sind, aufgeführt. Schraffiert (Wiener Ausgabe) markiert  sind diejenigen, die laut Anmerkung ergänzt werden können.  Es folgen die neun Interpreten, deren Einspielungen ich besitze.

III. Die einzelnen Interpretationen

Meine Wette war, das Glenn Gould die Triller entweder immer spielt oder gar nie. Allerdings hat mein Klavierlehrer nicht dagegengehalten sondern war der gleichen Meinung. Ich kannte seine Aufnahme zwar, wusste aber nicht mehr genau, wie und wo er die Verzierungen spielte. Ich konnte mich aber ziemlich darauf verlassen, dass Gould größten Wert auf die Folgerichtigkeit eines Werkes legt und seine Verzierungspraxis sehr ausgeklügelt ist. Nicht selten nimmt er auch Korrekturen an den Partituren vor, nur um in seinem Sinne Geschlossenheit zu erreichen.

Wir sollten jedenfalls  recht behalten. Gould spielt die Triller konsequent an allen vergleichbaren Stellen, unabhängig von der Stimmlage und auch an einigen Stellen, wo nur noch das Seufzermotiv in Engführung erscheint. Und er spielt sie so, wie man sie heutzutage als korrekt gespielt versteht, indem der Triller mit dem oberen Nebenton beginnt („Nebentonprinzip“) und plan, d. h.  unverziert ausklingen lässt („Initialcharakter“). Der dem Triller vorausgehende Ton wird hier allerdings nicht gekürzt („Détaché“) was wohl der eher langsamen Interpretation geschuldet ist. Diese drei Prinzipien (Détaché, Nebentonprinzip und Initialcharakter) sind typisch für J. S. Bachs Ornamentik, die sich aus der französischen ableitet (1).

Ich habe zwei mögliche, in diesem Sinne korrekte, Ausführungen notiert, wobei zu beachten ist, dass sich unser Notationssystem nicht für die korrekte metrische Wiedergabe der Verzierungen eignet. Ein kurzer Triller wie hier kann einfach so schnell wie möglich gespielt werden. Die Metrik ist grundsätzlich völlig frei und wird keinesfalls in arithmetisch geraden Notenwerten gespielt. Da in unserem Beispiel der Nebenton konsonant ist, eignet sich hier z. B. laut Hans Klotz (1) ein stark geraffter Triller mit längerem Ruheabschnitt (erstes Beispiel, das ich selbst auch bevorzuge).

Längere Triller als in dem vorliegenden Fall können auch langsam begonnen werden, gleichmäßig beschleunigt und gegen Ende wieder verlangsamt werden (z. B. in der Sarabande der 1. Partita). Unser Notationssystem  eignet sich übrigens auch nicht für die korrekte Darstellung der tänzerischen Rhythmen, in denen die Partiten zu spielen sind. Rhythmisch (und auch dynamisch) gesehen ist unsere Notation ohnehin eine äußerst armselige Angelegenheit, das sei an dieser Stelle nebenbei erwähnt. Aber glücklicherweise wissen das die meisten Musiker und so sind die Zeiten des Nähmaschinenspiels, wie ich es gerne nenne, mittlerweile Geschichte.

Tabelle II. Übersicht zu der Spiellänge der einzelnen Aufnahmen (Fuge ohne Prä- und Postludium).

Aber ich schweife ab, zurück zu Goulds Einspielung. Seine Einspielung ist die langsamste von den hier besprochenen Einspielungen, was auch für die gesamte Toccata zutrifft, also inklusive Präludium und Postludium. Goulds bekannte Einspielung von 1974 (Film von Bruno Monsaingeon, „Chemins de la musique“) ist übrigens insgesamt nur unwesentlich schneller (9:45 Minuten), die Fuge im Mittelteil aber mit 4:45 gegenüber 5:30 Minuten doch deutlich kürzer. Außerdem lässt er in dieser Live-Einspielung die Triller in den Takten 46.3, 58.1, 58.3 und 59.1 weg, fügt aber im Gegenzug an anderer Stelle einige hinzu. Es gäbe zu den Einspielungen von Gould noch einiges zu sagen, insbesondere auch zu den sehr frei gestalteten Prä- und Postludien, die die Fuge einrahmen oder die Dynamik der 1958er-Aufnahme, aber ich möchte mich in diesem Text nur auf die Triller der Fuge beschränken. Vielleicht an anderer Stelle mehr.

Piotr Anderszewski steht mit seiner stark akzentuierten und wesentlich schnelleren Interpretation, was die Triller betrifft, kaum hintenan. Auch er spielt an allen vergleichbaren Stellen einen Triller, abgesehen von  den Takten 79 bis 81, wo er ihn lediglich bei Takt 81.1 setzt. Darüber hinaus fügt er noch einige Mordents und andere Verzierungen ein, worauf ich hier nicht näher eingehen möchte.

Vladimir Ashkenazy, Irma Issakadze, Murray Perahia, András Schiff und Alexis Weissenberg halten sich weitgehend an die Eintragungen der ersten, gedruckten Notenausgabe. Angela Hewitt spielt zusätzlich die Triller in den Takten 34/35 und 40/41, wie es in der Wiener Ausgabe empfohlen wird. Sie spielt die Verzierungen sehr gleichmäßig, fast mechanisch genau, was aber eigenartigerweise das tänzerische Element, das sie immer wieder so bezaubernd herausarbeitet, nicht stört.

Nahezu metrisch gleichmäßig spielt auch Rosalyn Tureck ihre Verzierungen. Aus Überzeugung, muss man hinzufügen. Tureck hat seinerzeit einige Schriften über Bach veröffentlicht und war offensichtlich der Meinung, dass die Ornamente genau auf diese Weise zu spielen sind. Besonders auffällig wird diese Einstellung bei der schon erwähnten Sarabande (Takte 21 und 22) der ersten Partita (BWV 825). Dort hält sie sich sehr zurück, wenn es um (wohlgemerkt gleichmäßig) beschleunigte Triller geht. Warum ich Frau Tureck zum Schluss erwähne, hat einen besonderen Grund. Schaut man sich die Übersicht an, sieht man auf den ersten Blick, dass sie die Verzierungen bei jedem Seufzermotiv spielt. Wenn man so will, ist das vielleicht die konsequenteste Änderung am Notentext. Allerdings spielt sie einen Praller und keinen Triller, eine Verzierung, die laut Klotz (1) bei Johann Sebastian Bach nie vorkommt. Die meisten Veröffentlichungen, die sich mit der historisch informierten Spielweise Bachscher Musik beschäftigen, sind laut Bazzana (2) erst nach 1940 auf den Markt gekommen. Daher möchte ich Turecks Interpretation auch nicht klein reden. Ich muss ohnehin gestehen, dass auch ich zuerst einen Praller gespielt habe, bevor ich mich näher mit der Materie beschäftigt habe. Und mein Klavierlehrer hat mich auch nicht daran gehindert. Tatsächlich taucht der Pralltriller in Bachs Verzierungstabelle aus dem „Klavierbüchlein“ für seinen Sohn Wilhelm Friedemann Bach nicht auf (der Mordent allerdings schon). Grabners „Allgemeine Musiklehre“ (3) sieht das anders und nennt eine Sarabande von Bach als Beispiel, wo ein Pralltriller zu spielen sei. Mich überzeugen die Ausführungen von Hans Klotz und ich spiele den Triller mittlerweile so, wie im ersten Beispiel gezeigt, und an den Stellen, an denen sie auch Angela Hewitt spielt.

IV. Schlussbemerkungen

Gut, was soll das Ganze? Der Kartoffelpreis wird durch diese Untersuchungen nicht sinken und ob ich bei meinem amateurhaften Spiel nun einen Triller oder Pralltriller an irgendeine Stelle setze oder eben nicht, macht am Ergebnis auch nicht so viel aus.

Festzuhalten bleibt immerhin, dass in allen der hier besprochenen Aufnahmen die Triller, die in der Originalausgabe stehen, jedenfalls nie ignoriert werden. Aber persönlich habe ich auch sonst durch diese Auseinandersetzung, die im Übrigen schon vor einiger Zeit mit meiner intensiveren Beschäftigung mit Bachs Partiten begann, einiges gewonnen. Ich weiß jetzt z. B. genau, warum mich Piotr Anderszewskis Interpretation des Präludiums der Partita Nr. 1 von Anfang an so viel mehr überzeugt hat als die von Murray Perahia. Dort spielt der Triller meiner Meinung nach eine noch wichtigere Rolle als in der besprochenen Toccata. Vielleicht hört der eine oder andere Leser mal genauer hin. Ich finde, es lohnt sich.

V. Anhang

a)    Die Aufnahmen

  1. Glen Gould, Columbia Studio, New York, 1957
  2. Piotr Anderszewski, Virgin Classics (EMI), 2002
  3. Vladimir Ashkenazy, Decca (Universal), 2010
  4. Angela Hewitt, Hyperion (CODAEX Deutschland), 1997
  5. Irma Issakadze, Oehmsclass (Naxos Deutschland), 2011
  6. Murray Perahia, Sony Classical (Sony Music), 2010
  7. András Schiff, Decca (Universal), 2007 (Remastered) (Aufnahme: 1983)
  8. Alexis Weissenberg, TOSHIBA, 2006 (Import), (Aufnahme: EMI CZS 5741442, 1966 et 1970)
  9. Rosalyn Tureck, Doremi (Musikwelt Tonträger e.Kfr.), 2006 (Aufnahme: Allegro AL 67 1949/1950)

b)    Literatur

(1)  Hans Klotz: „Die Ornamentik der Klavier- und Orgelwerke von Johann Sebastian Bach“, Bärenreiter-Verlag, 1984

(2)  Kevin Bazzana: „Glenn Gould oder die Kunst der Interpretation“, Bärenreiter-Verlag, 2. Ausgabe (Bärenreiter/Metzler) 2002

(3)  Hermann Grabner: „Allgemeine Musiklehre“, Bärenreiter-Verlag, 23. Auflage, 2004

c)    Pdf-Dateien der Tabellen und des Notenbeispiels

Noten zur Bach-Partita 6 mit Trillern

Triller im Mittelteil

Spieldauer der Fuge

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