Triller in der Toccata der 6. Partita von J. S. Bach

I. Einführung

Bei der Beschäftigung mit der Toccata aus Johann Sebastian Bachs sechster Partita (E-Moll, BWV 830) ist meinem Klavierlehrer und mir aufgefallen, dass die Triller des Themas im Fugenteil ( Takt 27 bis 88) nur an den Stellen notiert sind, an denen sie auch ein Amateur wie ich gut spielen kann.

Dieses Entgegenkommen bin ich aus anderen Werken des Komponisten nicht gewohnt und so dachte ich mir, ich gehe der Sache einmal nach. Und bei dieser Gelegenheit schreibe ich meine Erkenntnisse gleich auf; vielleicht stehen ja andere vor ähnlichen Fragen.

Thema der Fuge in Bachs Partita Nr. 6 (1. Toccata) mit zwei Ausführungsbeispielen für den Triller und einem für einen Pralltriller.

Meine erste Vermutung, dass die Triller vielleicht nur an ein- oder  zweistimmigen Stellen gesetzt wurden, bestätigt sich nicht. Schon bei den Takten 34 und 35 steht ein Triller über dem  dritten des in drei Schritten aufsteigenden Seufzermotivs, obwohl alle drei Schritte dreistimmig gesetzt sind.  Da der erste Abschnitt hier über einen ausgeschriebenen Nachschlag (Sechzehntel)  in den zweiten Abschnitt des Themas überführt wird, lässt sich jedoch gut nachvollziehen, warum auf diesen dritten Triller nicht verzichtet wurde. Vergleichbares gilt auch für die Takte 40/41, wo das Thema im Bass auftaucht und ebenfalls nur der dritte Triller notiert ist. Im weiteren Verlauf des Stücks wird aber von dieser Regel wieder abgewichen, ohne dass sich mir die Motivation in allen Fällen erschließt.

Die beiden Notenausgaben, die ich besitze (Henle, 1979 und Wiener Urtext Edition, 2004) unterscheiden sich in der Notation der Triller nicht. Das ist auch nicht weiter verwunderlich, weil beide auf dem ersten Originaldruck von 1731 basieren, der von J. S. Bach selbst in Druck gegeben wurde. Auf Abweichungen und Ergänzungen in anderen Quellen wird in beiden Notenausgaben hingewiesen.  In den Anmerkungen einer der Ausgaben findet sich zusätzlich die Empfehlung, die Verzierungen in den Takten 34/35 und 40/41 zu ergänzen, analog zu den Änderungen, die Bach in der Fughetta der Goldbergvariationen (dort nur im Diskant und im Bass, in der Mittelstimme jedoch nicht) nachträglich vorgenommen hat. Warum dann aber nicht auch im Diskant der Takte 58/59? Dann würden die Triller an allen vergleichbaren Stellen gespielt werden, sofern sie im Diskant oder Bass gesetzt sind. In der Literatur fand ich keine weiteren, aufschlussreichen Hinweise und wendete mich daher der Spielpraxis zu. Ich habe die Aufnahmen, die ich besitze, verglichen und das Ergebnis in eine Tabelle eingetragen.

II. Erläuterung zu der Tabelle und Aufnahmen

Tabelle I. Übersicht zu den Trillern in der Fuge. Vertikal aufgetragen sind die Takte mit dem Seufzermotiv, horizontal die Aufnahmen der Pianisten. Eine angefärbte Schnittmenge bedeutet, dass dort ein Triller gespielt wird. Weitere Erläuterungen im Text.

Details zu den Aufnahmen habe ich am Ende dieses Artikels notiert. Dass sich darunter keine Einspielungen mit Cembalo befinden liegt daran, dass ich den Klang dieses Instruments nur im sehr intimen Rahmen schätze, am liebsten in einem kleineren Musizierzimmer, nicht aber auf Tonträger oder im größeren Konzertsaal.

In der linken Spalte sind alle Takte der Fuge angegeben, in denen mindestens ein Interpret eine Verzierung (Triller bzw. Praller) auf dem Seufzermotiv  ausführt. Gezählt habe ich trotz des Alla-Breve-Takts die Viertel. 36.1 steht dabei für das erste Viertel aus Takt 36, 36.3 für das dritte usw. Um die Tabelle nicht zu überladen, wurden Verzierungen (Triller, Mordent usw.), die von den Interpreten teilweise zusätzlich an anderen, nicht das Thema betreffenden, Stellen gespielt werden (z. B. von Anderszewski und Schiff) nicht berücksichtigt. Ein ausgefülltes Feld steht für einen Triller. In den nächsten beiden Spalten sind die Triller, die in den beiden erwähnten Ausgaben eingezeichnet sind, aufgeführt. Schraffiert (Wiener Ausgabe) markiert  sind diejenigen, die laut Anmerkung ergänzt werden können.  Es folgen die neun Interpreten, deren Einspielungen ich besitze.

III. Die einzelnen Interpretationen

Meine Wette war, das Glenn Gould die Triller entweder immer spielt oder gar nie. Allerdings hat mein Klavierlehrer nicht dagegengehalten sondern war der gleichen Meinung. Ich kannte seine Aufnahme zwar, wusste aber nicht mehr genau, wie und wo er die Verzierungen spielte. Ich konnte mich aber ziemlich darauf verlassen, dass Gould größten Wert auf die Folgerichtigkeit eines Werkes legt und seine Verzierungspraxis sehr ausgeklügelt ist. Nicht selten nimmt er auch Korrekturen an den Partituren vor, nur um in seinem Sinne Geschlossenheit zu erreichen.

Wir sollten jedenfalls  recht behalten. Gould spielt die Triller konsequent an allen vergleichbaren Stellen, unabhängig von der Stimmlage und auch an einigen Stellen, wo nur noch das Seufzermotiv in Engführung erscheint. Und er spielt sie so, wie man sie heutzutage als korrekt gespielt versteht, indem der Triller mit dem oberen Nebenton beginnt („Nebentonprinzip“) und plan, d. h.  unverziert ausklingen lässt („Initialcharakter“). Der dem Triller vorausgehende Ton wird hier allerdings nicht gekürzt („Détaché“) was wohl der eher langsamen Interpretation geschuldet ist. Diese drei Prinzipien (Détaché, Nebentonprinzip und Initialcharakter) sind typisch für J. S. Bachs Ornamentik, die sich aus der französischen ableitet (1).

Ich habe zwei mögliche, in diesem Sinne korrekte, Ausführungen notiert, wobei zu beachten ist, dass sich unser Notationssystem nicht für die korrekte metrische Wiedergabe der Verzierungen eignet. Ein kurzer Triller wie hier kann einfach so schnell wie möglich gespielt werden. Die Metrik ist grundsätzlich völlig frei und wird keinesfalls in arithmetisch geraden Notenwerten gespielt. Da in unserem Beispiel der Nebenton konsonant ist, eignet sich hier z. B. laut Hans Klotz (1) ein stark geraffter Triller mit längerem Ruheabschnitt (erstes Beispiel, das ich selbst auch bevorzuge).

Längere Triller als in dem vorliegenden Fall können auch langsam begonnen werden, gleichmäßig beschleunigt und gegen Ende wieder verlangsamt werden (z. B. in der Sarabande der 1. Partita). Unser Notationssystem  eignet sich übrigens auch nicht für die korrekte Darstellung der tänzerischen Rhythmen, in denen die Partiten zu spielen sind. Rhythmisch (und auch dynamisch) gesehen ist unsere Notation ohnehin eine äußerst armselige Angelegenheit, das sei an dieser Stelle nebenbei erwähnt. Aber glücklicherweise wissen das die meisten Musiker und so sind die Zeiten des Nähmaschinenspiels, wie ich es gerne nenne, mittlerweile Geschichte.

Tabelle II. Übersicht zu der Spiellänge der einzelnen Aufnahmen (Fuge ohne Prä- und Postludium).

Aber ich schweife ab, zurück zu Goulds Einspielung. Seine Einspielung ist die langsamste von den hier besprochenen Einspielungen, was auch für die gesamte Toccata zutrifft, also inklusive Präludium und Postludium. Goulds bekannte Einspielung von 1974 (Film von Bruno Monsaingeon, „Chemins de la musique“) ist übrigens insgesamt nur unwesentlich schneller (9:45 Minuten), die Fuge im Mittelteil aber mit 4:45 gegenüber 5:30 Minuten doch deutlich kürzer. Außerdem lässt er in dieser Live-Einspielung die Triller in den Takten 46.3, 58.1, 58.3 und 59.1 weg, fügt aber im Gegenzug an anderer Stelle einige hinzu. Es gäbe zu den Einspielungen von Gould noch einiges zu sagen, insbesondere auch zu den sehr frei gestalteten Prä- und Postludien, die die Fuge einrahmen oder die Dynamik der 1958er-Aufnahme, aber ich möchte mich in diesem Text nur auf die Triller der Fuge beschränken. Vielleicht an anderer Stelle mehr.

Piotr Anderszewski steht mit seiner stark akzentuierten und wesentlich schnelleren Interpretation, was die Triller betrifft, kaum hintenan. Auch er spielt an allen vergleichbaren Stellen einen Triller, abgesehen von  den Takten 79 bis 81, wo er ihn lediglich bei Takt 81.1 setzt. Darüber hinaus fügt er noch einige Mordents und andere Verzierungen ein, worauf ich hier nicht näher eingehen möchte.

Vladimir Ashkenazy, Irma Issakadze, Murray Perahia, András Schiff und Alexis Weissenberg halten sich weitgehend an die Eintragungen der ersten, gedruckten Notenausgabe. Angela Hewitt spielt zusätzlich die Triller in den Takten 34/35 und 40/41, wie es in der Wiener Ausgabe empfohlen wird. Sie spielt die Verzierungen sehr gleichmäßig, fast mechanisch genau, was aber eigenartigerweise das tänzerische Element, das sie immer wieder so bezaubernd herausarbeitet, nicht stört.

Nahezu metrisch gleichmäßig spielt auch Rosalyn Tureck ihre Verzierungen. Aus Überzeugung, muss man hinzufügen. Tureck hat seinerzeit einige Schriften über Bach veröffentlicht und war offensichtlich der Meinung, dass die Ornamente genau auf diese Weise zu spielen sind. Besonders auffällig wird diese Einstellung bei der schon erwähnten Sarabande (Takte 21 und 22) der ersten Partita (BWV 825). Dort hält sie sich sehr zurück, wenn es um (wohlgemerkt gleichmäßig) beschleunigte Triller geht. Warum ich Frau Tureck zum Schluss erwähne, hat einen besonderen Grund. Schaut man sich die Übersicht an, sieht man auf den ersten Blick, dass sie die Verzierungen bei jedem Seufzermotiv spielt. Wenn man so will, ist das vielleicht die konsequenteste Änderung am Notentext. Allerdings spielt sie einen Praller und keinen Triller, eine Verzierung, die laut Klotz (1) bei Johann Sebastian Bach nie vorkommt. Die meisten Veröffentlichungen, die sich mit der historisch informierten Spielweise Bachscher Musik beschäftigen, sind laut Bazzana (2) erst nach 1940 auf den Markt gekommen. Daher möchte ich Turecks Interpretation auch nicht klein reden. Ich muss ohnehin gestehen, dass auch ich zuerst einen Praller gespielt habe, bevor ich mich näher mit der Materie beschäftigt habe. Und mein Klavierlehrer hat mich auch nicht daran gehindert. Tatsächlich taucht der Pralltriller in Bachs Verzierungstabelle aus dem „Klavierbüchlein“ für seinen Sohn Wilhelm Friedemann Bach nicht auf (der Mordent allerdings schon). Grabners „Allgemeine Musiklehre“ (3) sieht das anders und nennt eine Sarabande von Bach als Beispiel, wo ein Pralltriller zu spielen sei. Mich überzeugen die Ausführungen von Hans Klotz und ich spiele den Triller mittlerweile so, wie im ersten Beispiel gezeigt, und an den Stellen, an denen sie auch Angela Hewitt spielt.

IV. Schlussbemerkungen

Gut, was soll das Ganze? Der Kartoffelpreis wird durch diese Untersuchungen nicht sinken und ob ich bei meinem amateurhaften Spiel nun einen Triller oder Pralltriller an irgendeine Stelle setze oder eben nicht, macht am Ergebnis auch nicht so viel aus.

Festzuhalten bleibt immerhin, dass in allen der hier besprochenen Aufnahmen die Triller, die in der Originalausgabe stehen, jedenfalls nie ignoriert werden. Aber persönlich habe ich auch sonst durch diese Auseinandersetzung, die im Übrigen schon vor einiger Zeit mit meiner intensiveren Beschäftigung mit Bachs Partiten begann, einiges gewonnen. Ich weiß jetzt z. B. genau, warum mich Piotr Anderszewskis Interpretation des Präludiums der Partita Nr. 1 von Anfang an so viel mehr überzeugt hat als die von Murray Perahia. Dort spielt der Triller meiner Meinung nach eine noch wichtigere Rolle als in der besprochenen Toccata. Vielleicht hört der eine oder andere Leser mal genauer hin. Ich finde, es lohnt sich.

V. Anhang

a)    Die Aufnahmen

  1. Glen Gould, Columbia Studio, New York, 1957
  2. Piotr Anderszewski, Virgin Classics (EMI), 2002
  3. Vladimir Ashkenazy, Decca (Universal), 2010
  4. Angela Hewitt, Hyperion (CODAEX Deutschland), 1997
  5. Irma Issakadze, Oehmsclass (Naxos Deutschland), 2011
  6. Murray Perahia, Sony Classical (Sony Music), 2010
  7. András Schiff, Decca (Universal), 2007 (Remastered) (Aufnahme: 1983)
  8. Alexis Weissenberg, TOSHIBA, 2006 (Import), (Aufnahme: EMI CZS 5741442, 1966 et 1970)
  9. Rosalyn Tureck, Doremi (Musikwelt Tonträger e.Kfr.), 2006 (Aufnahme: Allegro AL 67 1949/1950)

b)    Literatur

(1)  Hans Klotz: „Die Ornamentik der Klavier- und Orgelwerke von Johann Sebastian Bach“, Bärenreiter-Verlag, 1984

(2)  Kevin Bazzana: „Glenn Gould oder die Kunst der Interpretation“, Bärenreiter-Verlag, 2. Ausgabe (Bärenreiter/Metzler) 2002

(3)  Hermann Grabner: „Allgemeine Musiklehre“, Bärenreiter-Verlag, 23. Auflage, 2004

c)    Pdf-Dateien der Tabellen und des Notenbeispiels

Noten zur Bach-Partita 6 mit Trillern

Triller im Mittelteil

Spieldauer der Fuge

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Über Klaus Lorch

Ich bin Biologe mit Interesse an Botanik, Mykologie, Ökologie, Evolution, Meeres- und Molekularbiologie. Fan von Klassischer Musik, Philosophie und Literatur.
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