Knisternde Stille

Mir ist die Welt zu laut geworden.

Damit meine ich nicht nur den Lärm der vielen Maschinen, die benötigt werden um Gärten und Randstreifen in artenarme Einöden zu verwandeln. Auch nicht nur die omnipräsente Dauerberieselung mit dem, was landläufig alles so unter der Rubrik „Musik“ zusammengefasst wird.

Als Lärm empfinde ich auch die Bilder- und Informationsflut, die täglich auf uns einstürmt. Wenn man es Bilder, Informationen nennen darf. Denn wir sehen und erfahren mit zunehmender Flut weniger.

Weil Lärm auf die Dauer taub macht.

Weil Fülle erstickt.

Weil zu viel Möglichkeiten lähmen.

Wenn ich wieder einmal taub und gelähmt bin, ziehe ich mich in die Natur zurück, am liebsten ins Hochgebirge oder nach Lappland. Dorthin, wo der Zivilisationslärm nicht vordringt. Dorthin, wo es still ist.

Stille wird jedoch erst richtig perfekt durch leise Geräusche. Durch Blätterrauschen beispielsweise. Oder durch Regentropfen, den Pfiff eines Steinbocks im stillen Kar; durch das bisschen Geröll, das er los tritt. Durch den Ruf eines  Schwarzspechtes im sonst stillen Wald http://dl.dropbox.com/u/28198805/Schwarzspecht%20Ruf.mp3 . Ein Rascheln, ferne, einsame Tritte auf nassem Kopfsteinpflaster, nachts. Nur dann nehme ich Stille beruhigend wahr. Die Stille eines geschlossenen Raums dagegen dröhnt in meinem Kopf, sie ist nicht weit genug und sie ist hohl. Echte Stille benötigt auch manchmal die richtigen Düfte.

Sehr schöne Geräusche der Stille habe ich in Lappland gehört, meist dann, wenn ich mal eine Strecke alleine unterwegs war. Das Kalben eines weiter oben gelegenen Gletschers im Nallotal. Das leise, kaum vernehmliche Knacken der Granitblöcke im Vistastal, die gerne ankündigen, dass sie sich bald vom Fels lösen möchten.

Eine Ausnahme dieser Regel erlebte ich 1995, einer Lapplandtour mit nur wenigen Teilnehmern. Es war sehr regnerisch, unsere Kleider und Schuhe wurden nicht mehr richtig trocken. Jemand hatte eine Gitarre dabei. Es war in Unna Alakas. Wir lagen früh in den Betten, extrem erschöpft nach einer sehr harten Passüberquerung. Regentropfen am Fenster, wohlige Müdigkeit, Flüstern, Gedanken an uns, die gemeinsame Tour, die Nähe, die irgendwann nicht mehr sein wird. Gelegentlich zupfte jemand ein Stück. Dylan oder Bach, das war egal, Hauptsache unbeholfen, langsam, mit Fehlern und Wiederholungen. Eine Art Stille, nennen wir sie Zivilisationsstille, wie die unbeholfenen Klaviertonleitern in dem Film „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ vermitteln.

Eines meiner schönsten Ruhegeräusche habe ich aber auf der Überquerung des Passes zwischen Alesjaure und Unna Alakas gehört. Ich war sehr früh unterwegs, alleine, um den Sonnenaufgang auf der Passhöhe zu erleben. Als die ersten Sonnenstrahlen auftauchten, hörte ich ein sehr leises Knistern. Es kam von überall her und verbreitete zusammen mit dem schräg einfallenden Licht, das die Moospolster tief grün aufleuchten lies, eine unwirkliche Atmosphäre über dem Berg.

Die hauchdünnen Eisschichten auf den überall verteilten, kleinen und größeren Wasserpfützen brachen durch die Wärme der ersten Sonnenstrahlen auf und verursachten dieses Knistern. Sonst kein Laut. Ein wundervoller Tagesanbruch, meine Sinne nicht mehr betäubt, mein Kopf völlig frei.

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Über Klaus Lorch

Ich bin Biologe mit Interesse an Botanik, Mykologie, Ökologie, Evolution, Meeres- und Molekularbiologie. Fan von Klassischer Musik, Philosophie und Literatur.
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8 Antworten zu Knisternde Stille

  1. poetin schreibt:

    ich kann deine stille hören. danke.

  2. Susanne schreibt:

    Lieber Klaus,
    was für ein stiller, tief gehemder Text. Du sprichst mir aus der Seele. Mit zunehmendem Alter werde ich immer empfindlicher für Lärm, zumal für unnützen Lärm: Die harten Basse aus dem Auto neben mir an der Ampel, die Hintergrundmusik hinter gesprochenen Texten im Fernsehen oder im Radio, das Dröhnen von Motorradmotoren an heißen Sommertagen. Die Lärmverschmutzung, besser Stilleverschmutzung, ist so groß und fast überall. Dabei lebe ich in einer sehr stillen Gegend, zum Glück, sonst wäre es unerträglich. Und rum ums einsam gelegene Haus ist sie dann auch manchmal da, die knisternde Stille, die Du so schön beschreibst. Ich hoffe, dass viele Menchen sie hören und nachempfinden können, um etwas sorgsamer damit umzugehen und überflüssigen Krach zu vermeiden.
    LG, Susanne

  3. jahreszeitenbriefe schreibt:

    Wie schön, dass ich mal von Sophie hierher gekommen bin… Ich mag Stille auch. Und bin oft erschüttert, dass manche Menschen sie nicht (mehr) aushalten können… Eins meiner schönsten Stilleerlebnisse war eine Wanderung zur Begrüßung des neuen Jahres Anfang Januar – wir standen mit geschlossenen Augen am See und hörten auf das winzig leise Klirren der nächtens gefrorenen und nun splitternden dünnen Eisschollen am Ufer, bewegt durch leisen Wind und Wellengang, und auf die aus den Bäumen ins offene Wasser fallenden Tropfen. Kaum konnten wir uns lösen. „Es war wie eine Melodie…“ sagte einer der älteren Mitwanderer. Lieben Gruß Ghislana

  4. petapan schreibt:

    Wunderbar. Ich kann die Stille hören.

    Was dem einen seine wunderbare Stille,
    ist dem anderen seine unerträgliche Leere.

    Grüße, Peta

  5. Pingback: Grönland 2015 – Vorbereitung | Biophil

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