Darwins Gänsedistel?

Als ich im Winter 2009/2010 nach Teneriffa flog und damit zum ersten Mal die  Kanarischen Inseln besuchte, war ich zwar auf eine abwechslungsreiche und ganz eigene  Flora gefasst.  Obwohl ich mich gut auf den zweiwöchigen Ausflug vorbereitet hatte, wurde ich von dem Artenreichtum der Pflanzenwelt und noch mehr von der Vielzahl der Pflanzengesellschaften auf engstem Raum dennoch überwältigt.

Kanarische Glockenblume

Foto 1: Die meterlang kletternde Kanaren-Glockenblume ist ein Kanarenendemit und wächst in schattigen Wäldern (Lorbeerwald). Die 3-6 cm große Blüte wird wohl von Vögeln (Zilpzalp) bestäubt (3).

Dass ich außerhalb der Hauptblühperiode unterwegs war, tat meiner Begeisterung kaum einen Abbruch und hatte den einen Vorteil, dass ich mir einen ersten Überblick über die Insel verschaffen konnte, ohne mich im Detail zu verlieren.

Zugegeben, es war ein Wermutstropfen, dass die nicht nur wegen ihrer Größe imposanten Natternkopfarten wie z. B. Wildprets Natternkopf (Echium wildpretii, mit 1,5 – 3 m Höhe) nicht blühten. Als Entschädigung zeigte sich dafür ein weiteres,  schönes Wahrzeichen der Inseln, die Kanaren-Glockenblume (Canarina canariensis), in voller Blüte (Foto 1).

Warum die kanarischen Inseln ein so erstklassiges Freilandlabor für Ökologen und Evolutionsbiologen sind, möchte ich in diesem Blogeintrag am Beispiel von Teneriffa skizzieren.

Die westlich vor Nordafrika gelagerten Kanaren sind vulkanischen Ursprungs und es gab seit seiner Entstehung  vor 23,5 Mio. (Fuerteventura) bis 1,2 Mio. Jahren (El Hierro) nie eine Landbrücke zum afrikanischen Festland (1). Teneriffa hat eine Fläche von ca. 2.000 km², die höchste Erhebung mit 3.718 m ist der Teide, gleichzeitig „Spaniens“ höchster Berg. Teneriffa ist im Umriss dreieckig, die Spitzen bilden das Tenogebirge im Nordwesten, das langgezogene, halbinselartige Anagagebirge im Osten  und das Roque del Conte im Südwesten. Diese drei älteren, randständigen Gebirge wurden durch den jüngsten, zentral gelegenen Vulkan, den Teide, miteinander zu einer Insel verschmolzen.

Loorberwald

Foto 2: Nebelwald im Anagagebirge. Diese Lorbeerwälder der Kanaren sind verarmte Reliktwälder, die wohl denjenigen Wäldern Nordafrikas und Europas ähneln, die rund um die Tethys im ausgehenden Tertiär vorherrschten.

Klimatisch werden die Inseln durch den kühlen Kanarenstrom und den Nordostpassat beeinflusst. Durch den Kanarenstrom herrscht auf den Inseln ein milderes Klima als auf dem afrikanischen Festland gleicher geographischer Breite.

Durch den Nordostpassat werden die höheren Gebirgslagen ab ca. 500 m regelmäßig von Wolken eingehüllt. Auf der windzugewandten Seite von Teneriffa finden wir daher häufig Nebelwälder (Anagagebirge im Nordosten, Foto 2), im Windschatten oder in tieferen Lagen gibt es dagegen trockenere Gebiete mit zum Teil halbwüstenähnlichen Vegetationen wie dem Cardonal (siehe Foto 3).

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Foto 3: Sukkulentenbusch (Cardonal) bei Güimar mit zwei charakteristischen, stammsukkulenten Arten. Die gräulich weiße, zylindrische Pflanze links im Vordergrund ist die Rotbraune Leuchterblume (Ceropegia fusca, spanisch: Cardoncillo), hier ohne die namensgebende rotbrauen Blüten. Rechts dahinter die Kanarische Wolfsmilch (Euphorbia canariensis, spanisch: Cardón). Diese Wolfsmilchart erinnert zwar an einen Kaktus, ist mit diesem aber nicht verwandt (ein beliebtes Lehrbuchbeispiel für Konvergenz). Beide Arten sind Kanarenendemiten, kommen also natürlicherweise nur dort vor (2).

Foto 4: Teideginstergebüsch der Canadas (eine der weltweit größten Calderen) mit Teide im Hintergrund.

Die vertikale Zonierung der Vegetation Teneriffas von der Küste bis in den hochalpinen Bereich hat bereits Alexander von Humboldt 1799, bei seinem einwöchigen Besuch zu Beginn seiner Südamerikareise, beeindruckt und seine Vegetationskunde maßgeblich beeinflusst.

Die geringen Entfernungen zwischen den zahlreichen und extrem unterschiedlichen  Ökosystemen begeisterten mich jeden Tag aufs Neue. Faszinierend ist aber auch die Beschäftigung mit den Pflanzenarten in anderer Hinsicht. Wie auf anderen Archipelen vulkanischen Ursprungs (z. B. Galapagos, Hawaii), so lässt sich auch auf den Kanaren das Ergebnis eines Artenaufspaltungsprozesses nachvollziehen, der in der Evolutionsbiologie als adaptive Radiation bezeichnet wird. Was versteht man unter diesem Begriff?

Die Vulkaninseln waren zunächst noch unbesiedeltes Neuland. Pflanzen, deren Samen z. B. durch Vögel oder Wind vom Festland auf die Inseln verfrachtet wurden, konnten sich daher frei ausbreiten und bei ausreichender Variationsbreite ihres Genoms auch nach und nach ökologische Nischen besetzen, die nicht mehr dem ursprünglichen Standort entsprachen. Durch verschiedene Isolationsmechanismen (z. B. Entstehung räumlicher Barrieren wie Lavaströmen, zeitlicher Barrieren wie Änderungen der Blütezeit oder durch genetische Barrieren wie der Änderung der Chromosomenzahl – Polyploidisierung –) spaltete sich die Ursprungsart in neue Arten mit unterschiedlichen ökologischen Ansprüchen auf.

Gänsedistelart

Foto 5: Eine der ca. 25 verholzten und oft sehr imposanten Gänsedistelarten, die fast alle Kanarenendemiten sind (2). Die abgebildete Art ist ca. 2 m hoch. Leider habe ich die gepressten Blätter verloren und konnte die Art nicht nachbestimmen.

Dieser Vorgang wiederholte sich natürlich auch auf den Nachbarinseln und immer auf unterschiedliche Weise. Auf diese Weise sind z. B. aus einer Aeonium-Art (gehört zu den Dickblattgewächsen), die vor 2-3 Mio. Jahren die Inseln besiedelt hat, mittlerweile 34 Arten entstanden (1). Ähnliches gilt auch für die „Bäumchenmargeriten“ (Agyranthemum ssp.), die Gänsedistelarten (Sonchus ssp.) und viele andere.

Zu Beginn seiner legendären Fahrt mit der Beagle (1831 bis 1836) wollte Charles Darwin eigentlich auch die Kanarischen Inseln besuchen, nicht zuletzt wegen der enthusiastischen Beschreibungen des Alexander von Humboldt. Da es zu der Zeit in England eine Cholera-Epidemie gab, durfte er jedoch nicht an Land gehen. Wer weiß, vielleicht ist es diesem Umstand geschuldet, dass wir heute über die „Darwinfinken“ der Galapagosinseln reden, wenn wir an die Meilensteine der Evolution denken,  und nicht von „Darwins Gänsedisteln“.

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  • (1)    Pott. R, Hüppe. J, Wildpret de la Torre. W.: „Die Kanarischen Inseln, Natur und Kulturlandschaften“, Ulmer Verlag , 2003. Ein sehr empfehlenswertes Buch für alle, die sich eingehender mit den Kanaren beschäftigen möchte. Dieser Blogeintrag greift in weiten Teilen auf dieses Buch zurück.
  • (1)    Hohenester, A. und  Welß, A. : „Exkursionsflora für die Kanarischen Inseln“. Ulmer Verlag, 1993. Wer die Pflanzenarten der Kanaren zuverlässig bestimmen möchte, dem sei dieses Bestimmungsbuch empfohlen. Für Einsteiger genügt das folgende Buch:
  • (2)    Schönfelder, P. und I.: „Die Kosmos Kanarenflora“, Kosmos Verlag, 2. Aufl. 2005. Sehr gut geeignete Bestimmungsliteratur mit vielen Farbfotos.

Alle Fotos von Klaus Lorch.


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Über Klaus Lorch

Ich bin Biologe mit Interesse an Botanik, Mykologie, Ökologie, Evolution, Meeres- und Molekularbiologie. Fan von Klassischer Musik, Philosophie und Literatur.
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4 Antworten zu Darwins Gänsedistel?

  1. Norbert J. schreibt:

    Alle Achtung, …

  2. Wolfgang Völker schreibt:

    Wie ich sehe hast du aus der „Affäre Guttenberg“ gelernt und brav Fußnoten verfasst.
    Ansonsten Gratulation zum Artikel.

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