Wenn Bienen fremdgehen

Orchideen bilden eine sehr große Familie innerhalb der Einkeimblättrigen Pflanzen mit weltweit ca. 19.500 Arten, verteilt auf 788 Gattungen (1). Die typische Orchideenblüte  besteht aus zwei dreizähligen Blütenkreisen, wobei das mittlere – zunächst obere – Blütenblatt sich in Form und Farbe von den übrigen Blütenblättern unterscheidet und meistens durch Drehung des Blütenstiels, des Fruchtknotens oder durch Überkippen der Blüte zur Blütezeit nach unten weist. Dieses Blütenblatt, das als Lippe (Labellum) bezeichnet wird, dient zur Anlockung und als Landeplatz für die Bestäuber.

Die (meist 1, bis zu 3) Staubblätter sind mit dem Griffel zu einer Säule verbunden (Gymnostemium), eine der drei Narben ist steril und trennt die Staubbeutel von den zwei anderen, fruchtbaren (fertilen) Narben um Selbstbestäubung zu verhindern. Der Pollen wird meist nicht als Blütenstaub freigesetzt, sondern als Paket (Pollinium) bzw. Paketbündel an die Insekten angeklebt. Die Pollenpakete können aber in einzelnen Teilen wieder abgegeben werden, so dass mehrere Orchideen mit einem Paket bestäubt werden können.

Gelbe Ragwurz (Ophrys lutea), Sardinien, Supramonte, 2008. Auf der Lippe rechts liegt ein abgetrenntes Pollinium (Blütenstaubpaket).

Die sehr zahlreichen, leichten Samen werden durch Wind verbreitet und sind, da sie kein Nährgewebe für den Embryo enthalten, bei der Keimung auf Pilzsymbionten obligatorisch angewiesen. Sobald die Pflanze ausreichend Chlorophyll gebildet hat, kann sie auf diese Symbiose verzichten, was jedoch nicht immer geschieht.

Orchideen sind oft Täuschblumen. Der Bestäuber wird häufig gefoppt und erhält keine Belohnung für seine Bestäuberdienste.

Einer besonders perfiden Art der Täuschung bedienen sich die Ragwurzarten (Ophrys ssp.), die die Weibchen der Hautflügler (hier: Bienen und Wespen) in Form und Farbe imitieren und die Männchen zusätzlich durch Sexuallockstoffe anlocken. Durch die Kopulationsbewegung wird das Pollenpaket angeheftet und weitergeben.

Wespen-Ragwurz (Ophrys tenthredinifera), Sardinien, bei Orosei, 2006. Hier kann man gut die insektenähnlich haarige Oberfläche der Lippe erkennen.

Fliegen-Ragwurz (Ophrys insectifera), Baden-Württemberg, Heiligenkopf 2009

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Ganz so doof, wie wohl landläufig angenommen wird, scheinen die Hautflügler übrigens nicht zu sein. Der Fruchtansatz der Ragwurzarten ist jedenfalls minimal, die Bestäubungsart also wenig erfolgreich. Bei der Fliegen-Ragwurz (Ophrys insectifera. (a)) liegt der Fruchtansatz in Baden-Württemberg zwischen 0,7 und 3,7 % (2), d. h. dass nur 1 bis 4 Kapseln je 100 Blüten reife Samen entwickeln.

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(a)Der deutsche Name täuscht:  Bestäuber sind nicht Fliegen, sondern Grabwespen.

(1) Judd, Campbell et al.: „Plant Systematics“, 3rd ed., 2008

(2) Sebald, Seybold et al.: “Die Farn-und Blütenpflanzen Baden-Württembergs”, Ulmer Verlag, Band 8, 1998

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Über Klaus Lorch

Ich bin Biologe mit Interesse an Botanik, Mykologie, Ökologie, Evolution, Meeres- und Molekularbiologie. Fan von Klassischer Musik, Philosophie und Literatur.
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